29
Derartige Ziffern sind nichts als Einzelbelege der einen, für uns überalles wichtigen Tatsache: Deutschland wächst mehr und mehr in die Stellunghinein, die Grossbritannien um die Mitte des neunzehnten Jahrhundertsfür sich ausschliesslich in Anspruch nahm.
Vor unseren Augen, den meisten Mitlebenden unfassbar, vollziehtsich eine märchenhafte Verwandlung. Denken wir daran, wie Deutschland im achtzehnten Jahrhundert der Luxuseinfuhr der Höfe keine Ausfuhr ent-gegen zu setzen hatte. Neben einigen Leinengeweben war Sand derBallast der aus Deutschland ausgehenden Schiffe — Sand, den spöttischeFranzosen ,,le produit d’Allemagne“ nannten. Denken wir an die „Arme-leutehaftigkeit“ unseres neunzehnten Jahrhunderts, welches Grosstaten inder Dichtung, Musik und Philosophie verrichtete, aber bildnerischer Kulturso fern war.
Um die Mitte des Jahrhunderts schildert Disraeli in seinem Endymionmitleidig den deutschen Diplomaten, der aus der Metropole der Welt,aus dem Kreise glänzender Damen und weltbeherrschender Staatsmännerin die heimische Verbannung zurückkehrt. Sein Volk ist arm, nur reichan Wäldern: es gilt erst, ein „Vaterland“ ihm zu geben — »mit Blutund Eisen“ setzt Disraeli weitsichtig hinzu, dieses seitdem vielgebrauchteWort wohl als Erster prägend. Und heute? Dem Könige Midas gleichberührt Deutschland unscheinbare Rohstoffe: sie werden unter seiner Handmünzbares Gold. Deutschland — der an Grossbritannien herangipfelndeIndustriestaat! Unseren Grossvätern wäre solche Prophezeiung als Wahn-witz erschienen. Wir aber nörgeln, während solches geschieht. Früh er-müdet, verzagt so mancher an der deutschen Zukunft. Einen andernblendet der Glanz des goldenen Regens. Emporkömmling, vergisst erder geistigen Quellen der niederrauschenden Fülle. Man schildert denAufstieg der deutschen Volkswirtschaft, ohne die politische Ursache auchnur zu erwähnen: Sedan und die Kaiserkrönung im Spiegelsaale zuVersailles .