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2 (1927)
Entstehung
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 4. 8. 1914,

G estern war mir der gesamte Wortlaut der RedeSir E. Greys noch nicht bekannt, von der lediglichein kurzer Parlamentsbericht vorlag, und nach derheutigen Bekanntgabe des Gesamtinhalts muß ichmeine gestrige Auffassung dahin berichtigen, daß ichnicht glaube, daß wir sehr viel länger noch mit derNeutralität Englands zu rechnen haben werden.

Wie ich Ew, Exzellenz wiederholt berichtet habe,bildete Frage der Verletzung belgischer Neutralitäteinen der wichtigsten Punkte für die ZurückhaltungEnglands , Sowohl Mr. Asquith als Sir E, Grey hattenmich hierauf hingewiesen, und konnte ich, wie be-richtet, gestern vor der Sitzung feststellen, daß SirE. Grey sich infolge der Verletzung des belgischen Ge-biets durch unsere Truppen in tiefer Erregung befand.

Welche Form das britische Eingreifen annimmt,und ob dasselbe sofort erfolgt, entzieht sich meinerBeurteilung. Ich sehe aber nicht, wie nach gedachter,mir gestern nur auszugsweise bekannter Rede die hie-sige Regierung zurückweichen sollte, falls wir nicht inder Lage sind, das belgische Gebiet in allerkürzesterFrist zu räumen. Wir haben daher mit derbaldigen Gegnerschaft Englands zu rech-nen, Die Aufnahme, die die Rede Sir E. Greys imHause gefunden hat, kann dahin gedeutet werden, daßdie Regierung außer dem linken Flügel ihrer eigenenPartei die überwiegende Mehrheit des Parlaments beieiner aktiven Politik, die Frankreich und Belgien zuschützen bezweckt, hinter sich haben wird.

Die gestern eingetroffenen Nachrichten über Ein-marsch deutscher Truppen in Belgien hatten in deröffentlichen Meinung einen völligen Umschwung zu

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