Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
113
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und Erzählungen.

Er kein Fleisch, er trank nicht Wein,Ließ Wurzeln seine Nahrung seyn,Und seinen Trank das helle Wasser;Bey allem Appetit kein Prasser. °)Er geißelte sich bis aufs Blut,Und wußte wie das Wachen thut.Er fastete wohl ganze Tage.Und blieb auf Eine»! Fuße stehn;Und machte sich rechtschaffne Plage,In Himmel mühsam cinzugehn.Was Wunder also, daß gar baldVom jungen Heiligen im WaldDer Ruf bis in die Stadt erschallt?

Die erste, die aus dieser Stadt

Zu ihm die heil'ge Wallfahrt that,

War ein betagtes Weib.

Ans Krücken, zitternd, kam sie an,

lind fand den wilden Gottcsmaim,

Der sie von weitem kommen sahe,

Dem hölzern Kreuze knieend nahe.

Je näher sie ihm kömmt, je mehr

Schlägt er die Brust, und weint, und winselt

Und wie eS sich für einen Heil'gen schicket,

Erblickt sie nicht, ob er sie gleich erblicket;

Bis er zuletzt vom Knieen matt,

Und heiliger Verstellung satt,

Vom Fasten, Kreuz'gcn, Klosterlcbcn,

Marienbildern, Opfergcbcn,

Bon Beichte, Salbung, Seelenmessen,

Ohn' das Vermächtnis; zn vergessen,

Von Rosenkränzen mit ihr redte,

Und das so oratorisch sagt,

Daß sie erbärmlich weint und klagt,

Als ob er sie geprügelt hätte.

°) Und fluchte auf die reiche» Prasser. 1749, 63.Lesimgs Werk- i, 8