und erzähluugcn.
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XIll,
Die Brille. °)
Dem alten Freyherr» von Chrysant,
Wagts Amor, einen Streich zu spielen.
Für einen Hagestolz bekannt,
Fieng, um die Sechzig, er sich wieder an zu fühlen.
ES flatterte, von Alt und Jung begafft,
Mit Reizen ganz besondrer Kraft,
ein Bürgcrmädchcn in der Nachbarschaft.
Dieß Bnrgermädchcn hieß Finctte.
Finctte ward des Frcyhcrrn Siegerinn.
Ihr Bild stand mit ihm auf, und gieng mit ihm zu Bette.
Da dacht' in seinem Sinn
Der Freyherr: „Und warum denn nur ihr Bild?
„Ihr Bild, das zwar den Kopf, doch nicht die Arme füllt?
„Sie selbst steh' mit mir auf, und geh' mit mir zu Bette.
„Sie werde meine Frau! es schelte, wer da schilt;
„Eenäd'ge Tant' und Nicht' und Schwägerinn!
„Fiiictt' ist meine Frau, und — ihre Dienerinn."
Schon so gewiß? Man wird es hören.
Der Freyherr kömmt, sich zu erklären,
er greift das Mädchen bey der Hand,
Thut, wie ein Freyherr, ganz bekannt,
Und spricht: „Ich, Freyherr von Chrysant,
„Ich habe Sie, mein Kind, zu meiner Frau ersehen.
„Sie wird sich hoffentlich nicht selbst im Lichte stehen.
„Ich habe Guts die Hüll' und Fülle."
Und hierauf las er ihr, durch eine große Brille,
Von einem großen Zettel ab,
Wie viel ihm Gott an Gütern gab;
Wie reich er sie beschenken wolle;
Welch großen Wittwcnschalz sie einmal haben solle.
Dieß alles las der reiche Manu
°) Zuerst in dc» vermischte» Schriften, 1772.