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Fragmente.
Ach! warum wüthete ihr Gift in Mark und Blut,Mit mich verderbender, doch angenehmer Wuth,Eh der biegsame Geist die Tugend kennen lernte,Von der ihn die Natur, nicht er sich selbst entfernte?Nein, er sich selber nicht; denn in der Seele schliefVom Gnt und Bösen noch der wankende Begrif,Und als er wache ward, und als ich wollte wählen,War ich, ach! schon bestimmt, in meiner Wahl zu fehlen.Ich brachte meinen Feind in mir, mit mir hcrfür,Doch Waffen gegen ihn, die bracht ich nicht mit mir.Das Laster ward mein Herr, ein Herr den ich verfluche,Den eifrig, doch umsonst, ich zu entthronen suche;Ein Wütrich, der es ward, damit ich sey gequält,
Richt, weil er mich besiegt, nicht, weil ich ihn gewählt--
Himmlische Tugenden! Was hilft es, euch zu kennen,
In reiner Gluth für euch, als unser Glück, zu brennen,
Wenn auch der kühnste Schwung sich schimpflich wieder senkt,
lind uns das Laster stets an kurzen Banden lenkt?
Ich fühl es, daß mein Geist, wenn er sich still betrachtet,
Sich dieser Bande schämt, sich eurer werth nur achtet,
Daß, wenn von später Reu mein Aug in Thränen fließt,
Da ich sonst nichts vermag, mein Wunsch euch eigen ist.
Du bist mir Trost und Pein, und an der Tugend Stelle,
Bcwcinenswerthcr Wunsch! Mein Himmel! Meine Hölle!
Du, nur du bist in mir das einzge reiner Art,
Das einzige, was nicht dem Laster dienstbar ward.
Solch einen heißen Wunsch, solch marternd Unvermögen,
Die kann ein Gott zugleich in eine Seele legen?
Ein mächtig weiser Gott! Ein Wesen ganz die Hnld!
Und richtet Zwang als Wahl, und Ohnmacht gleich der Schuld
Und straft die Lasterbrut, die es mir aufgedrungen,
Die ich nicht müde rang, nnd die mich lahm gerungen.
O Mensch, elend Geschöpf! Mensch! Vorwurf seiner Wuth!
llnd doch sind, was er schuf, du und die Welt sind gut?
So kenn ich Gott durch euch, ihr Israels Vcrwirrer,Und eure Weisheit macht den irre» Geist noch irrer.Umsonst erhebt ihr mir des Willens freye Kraft!Ich will, ich will - - Und doch bin ich nicht tugendhaft.