626
Minna von Barnhelm.
Franciska- Wer kann in den verzweifelten großen Städtenschlafen? Die Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, dieKatzen, die Korporals — das hört nicht ans zu rasseln, zuschreyen/) zu wirbeln, zu maucn, zu fluchen; gerade, als obdie Nacht zu nichts weniger wäre, als zur Ruhe. — Eine TasseThee, gnädiges Fräulein? —
Das Fräulein. Der Thee schmeckt mir nicht. —
Franciska. Ich will von unserer Schokolatc machen lassen.
Das Fräulein. Laß machen, für dich!
Franciska. Für mich? Ich wollte eben so gern sür michallein plaudern, als für mich allein trinken. — Freylich wirduns die Zeit so lang werden. — Wir werden, vor langerWeile, uns putzen müssen, und das Kleid versuchen, in welchemwir den ersten Sturm geben wollen.
Das Fräulein. Was redest du von Stürmen, da ich bloßherkomme, die Haltung der Kapitulation zu fodern?
Franciska- Und der Herr Officicr, den wir vertriebe»,und dem wir das Kompliment darüber machen lassen; er mußauch nicht die feinste Lebensart haben; sonst hätte er wohl umdie Ehre können bitten lassen, uns seine Aufwartung machenzu dürfen. —
Das Fräulein. Es sind nicht alle Officicre Tellhcims. DieWahrheit zu sagen, ich ließ ihm das Kompliment auch bloßmachen, um Gelegenheit zu haben, mich nach diesem bey ihmzu erkundigen. — Franciska, mein Herz sagt es mir, daß meineReise glücklich seyn wird, daß ich ihn finden werde. —
Franciska. Das Herz, gnädiges Fräulein? Man trauedoch ja seinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns ge-waltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul eben so ge-neigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Modelängst aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen.
Das Fräulein. Ha! ha! mit deinen Mäulern unterm Schlosse!Die Mode wäre mir eben recht!
Franciska. Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, alsalle Augenblicke das Herz darüber springen lassen!
°) zu blocke», in der Handschrift.