Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
527
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Minna von Barnhelm.

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Das Fräulein. Was? bist du so zurückhaltend?

Franciska. Nein, gnädiges Fräulein; sondern ich wolltees gern mehr seyn. Man spricht selten von der Tugend, dieman hat; aber desto öftrer von der, die uns fehlt.

Das Fräulein. Siehst du, Franciska? da hast du einesehr gute Anmerkung gemacht.

Franciska. Gemacht? Macht man das, was einem so ein-fällt?

Das Fräulein. Und weißt du, warum ich eigentlich dieseAnmerkung so gut finde? Sie hat viel Beziehung auf meinenTellheim.

Franciska- Was hätte bey Zhncn nicht auch Beziehungauf ihn?

Das Fräulein. Freund und Feind sagen, daß er der tap-ferste Mann von der Welt ist. Aber wer hat ihn von Tapfer-keit jemals reden hören? Er hat das rechtschaffenste Herz, aberRechtschaffenheit und Edelmuth sind Worte, die er nie auf dieZunge bringt.

Franciska- Von was für Tugenden spricht er denn?

Das Fräulein. Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.

Franciska. Das wollte ich nur hören.

Das Fräulein. Warte, Franciska; ich besinne mich. Erspricht sehr oft von Ockonomic. Zm Vertrauen, Franciska; ichglaube, der Mann ist ein Verschwender.

Franciska. Noch eins, gnädiges Fräulein. Ich habe ihnauch sehr oft der Treue und Beständigkeit gegen Sie erwähnenhören. Wie, wenn der Herr auch ein Flattergeist wäre?

Das Fräulein. Du Unglückliche! Aber meinest du dasim Ernste, Franciska?

Franciska. Wie lange hat er Zhnen nun schon nicht ge-schrieben?

Das Fräulein. Ach! seit dem Frieden hat er mir nur eineinzigesmal geschrieben.

Franciska- Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunder-bar! der Friede sollte nur das Böse wieder gut machen, dasder Krieg gestiftet, und er zerrüttet auch das Gute, was diesersein Gegenpart etwa noch veranlasset hat. Der Friede sollte