42
Miß Sara Samvson.
immer an Zhrcil Fehler dächten, und glaubten, es wäre genug,wenn Sie den in Ihrer Einbildung vergrösscrten, und sich selbstmit solchen vergrösscrten Vorstellungen marterten. Aber ich solltemeynen, Sie müßten auch daran denken, wie Sie das, wasgeschehen ist, wieder gut machten. Und wie wollen Sie esdenn wieder gut machen, wenn Sie sich selbst alle Gelegenheitdazu benehmen? Kann es Ihnen denn sauer werden, den an-dern Schritt zu thun, wenn so ein lieber Vater schon den er-sten gethan hat?
Sara. Was für Schwerdter gehen aus deinem einfältigenMunde in mein Herz! — Eben das kann ich nicht aushalten,daß er den ersten Schritt thun muß. Und was willst dudenn? Thut er denn nur den ersten Schritt? Er muß siealle thun: ich kann ihm keinen entgegen thun. So weit ichmich von ihm entfernet, so weit muß er sich zu mir herablas-sen. Wenn er mir vcrgiebt, so muß er mein ganzes Verbre-chen vergeben, und sich noch dazu gefallen lassen, die Folgendesselben vor seinen Augen fortdauern zu sehen. Ist das voneinem Vater zu verlangen?
Vvaitrvell. Ich weiß nicht, Miß, ob ich dieses so rechtverstehe. Aber mich dcucht, Sie wollen sagen, er müsse Ihnengar zu viel vergeben, und weil ihm das nicht anders als sehrsauer werden könne, so machten Sie sich ein Gewissen, seineVergebung anzunehmen. Wenn Sie das meynen, so sagenSie mir doch, ist denn nicht das Vergeben für ein gutes Herzein Vergnügen? Ich bin in meinem Leben so glücklich nicht ge-wesen, daß ich dieses Vergnügen oft empfunden hätte. Aberder wenigen Male, die ich es empfunden habe, erinnere ichmich noch immer gern. Ich fühlte so etwas sanftes, so etwasberuhigendes, so etwas himmlisches dabey, daß ich mich nichteinbrechen konnte, an die große unüberschwenglichc SeligkeitGottes zu denken, dessen ganze Erhaltung der elenden Men-schen ein immerwährendes Vergeben ist. Ich wünschte mir, alleAugenblicke verzeihen zu können, und schämte mich, daß ich nursolche Kleinigkeiten zu verzeihen hatte. Recht schmerzhafte Be-leidigungen, recht tödliche Kränkungen zu vergeben, sagt' ich zumir selbst, muß eine Wollust seyn, in der die ganze Seele zer-