Miß Sara Sampson. 65
Sara. Und verspricht mir — Ich zittere —
XNarrvoov. Nein, Miß; wenn Sie zittern wollen —
Lassen Sie uns von etwas andern: sprechen--
Sara- Grausame Lady!
Marwood. Es thut mir leid, daß ich verkannt werde.Zch wenigstens, wenn ich mich in Gedanken an Miß Samp-sons Stelle setze, wurde jede nähere Nachricht, die man mirvon demjenigen geben wollte, mit dessen Schicksale ich das mci-nigc ans ewig zu verbinden bereit wäre, als eine Wohlthatansehen.
Sara. Was wollen Sie, Lady? Kenne ich meinen Mcllc-font nicht schon? Glauben Sie mir, ich kenne ihn, wie meineeigne Seele. Zch weiß, daß er mich liebt--
ZNarwood. Und andre--
Sara. Geliebt hat. Auch das weiß ich. Hat er mich lie-ben sollen, ehe er von mir etwas wußte? Kann ich die einzigezu seyn verlangen, die für ihn Reize genug gehabt hat? Mußich mir es nicht selbst gestehen, daß ich mich, ihm zu gefallen,bestrebt habe? Ist er nicht liebenswürdig genug, daß er beymchrcrn dieses Bestreben hat erwecken müssen? Und ist es nichtnatürlich, wenn mancher dieses Bestreben gelungen ist?
XNarrvood. Sie vertheidigen ihn mit eben der Hitze undfast mit eben den Gründen, mit welchen ich ihn schon oft ver-theidiget habe. Es ist kein Verbrechen, geliebt haben; noch vielweniger ist es eines, gclicbct worden seyn. Aber die Flatter-haftigkeit ist ein Verbrechen.
Sara. Nicht immer; denn oft, glaube ich, wird sie durchdie Gegenstände der Liebe entschuldiget, die es immer zu blei-ben, selten verdienen.
Marwooö. Miß Sampsons Sittcnlchrc scheinet nicht diestrengste zu seyn.
Sara. Es ist wahr; die, nach der ich diejenigen zu richtenPflege, welche es selbst gestehen, daß sie ans Irrwegen gegan-gen sind, ist die strengste nicht. Sie muß es auch nicht seyn.Denn hier kömmt es nicht darauf an, die Schranken zu bestim-men, die uns die Tugend bey der Liebe setzt; sondern bloß dar-auf, die menschliche Schwachheit zu entschuldigen, wenn sie in
Leslmgs Werke II, 5