Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
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Philotas .

ihn wieder! Wie weit er sich verbreitet, und immer weiter;und nun durchstrahlt er meine ganze Seele!

Was sagte der König? Warum wollte er, daß ich zugleichselbst einen unverdächtigen Bothen an meinen Vater schickensollte? Damit mein Batcr nicht argwohne so waren jaseine eigne Worte ich sey bereits an meiner Wunde gestor-ben. Also mcynt er doch, wenn ich bereits an meinerWunde gestorben wäre, so würde die Sache ein ganz andersAnsehen gewinnen? Würde sie das? Tausend Dank für dieseNachricht! Tausend Dank! Und freylich! Denn mein Va-ter hätte alsdcnn einen gefangenen Prinzen, für den er sich al-les bedingen könnte; und der König, sein Feind, hätte denLeichnam eines gefangenen Prinzen, für den er nichts fordernkönnte; den er müßte begraben oder verbrennen lassen, wenner ihm nicht zum Abscheu werden sollte.

Gut! das begreif ich! Folglich, wenn ich, ich elender Ge-fangener, meinem Vater den Sieg noch in die Hände spielenwill, worauf kömmt es an? Aufs Sterben. Auf weiter nichts? O fürwahr; der Mensch ist mächtiger, als er glaubt, derMensch, der zu sterben weiß!

Aber ich? Zch, der Keim, die Knospe eines Menschen,weiß ich zu sterben? Nicht der Mensch, der vollendete Menschallein, muß es wissen; auch der Jüngling, auch der Knabe;oder er weiß gar nichts. Wer zehn Zahr gelebt hat, hat zehnZahr Zeit gehabt, sterben zu lernen; und was man in zehnJahren nicht lernt, das lernt man auch in zwanzig, in dreyßigund mchrcrn nicht.

Alles, was ich werden können, muß ich durch das zeigen,was ich schon bin. Und was könnte ich, was wollte ich wer-den? Ein Held. Wer ist ein Held? O mein abwesen-der vortrefflicher Vater, itzt sey ganz in meiner Seele gegen-wärtig! Hast du mich nicht gelehrt, ein Held sey ein Mann,der höhere Güter kenne, als das Leben? Ein Mann, der seinLeben dem Wohle des Staats gcweyhet; sich, den einzeln, demWohle vieler? Ein Held sey ein Mann Ein Mann? Alsokein Zttngling, mein Vater? Seltsame Frage! Gut, daßsie mein Vater nicht gehöret hat! Er müßte glauben, ich sähe