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emilia Galotti.
Finger auf den Mund legt) Hören Sie! ganz in gchcim! ganz ingeheim! (und ihre» Mund seinem Ohre nähert, als ob sie ihm zuflüsternwollte, was sie aber sehr laut ihm zuschrevet) Der Prinz ist ein Mörder!
Marinelll. Gräfinn, — Gräfinn — sind Sie ganz vonSinnen?
Grsina. Von Sinnen? Ha! ha! ha! (aus vollem Halse la-chend) Ich bin selten, oder nie,") mit meinem Verstände so wohlzufrieden gewesen, als eben ißt. — Zuvcrläßig, Marinclli; —aber es bleibt unter uns — (leise) der Prinz ist ein Mörder!des Grafen Appiani Mörder! — Den haben nicht Räuber, denhaben Helfershelfer des Prinzen, den hat der Prinz umgebracht!
ZNarmelli. Wie kann Ihnen so eine Abschculichkcit in denMund, in die Gedanken kommen?
Grsl'n«, Wie? — Ganz natürlich. — Mit dieser EmiliaGalotti, — die hier bey ihm ist, — deren Bräutigam so überHals über Kopf sich aus der Welt trollen müssen, — mit die-ser Emilia Galotti hat der Prinz heute Morgen, in der Hallebey den Dominikanern, ein Langes und Breites gesprochen. Dasweiß ich; das haben meine Kundschafter gesehen. Sie habenauch gehört, was er mit ihr gesprochen. — Nun, guter Herr?Bin ich von Sinnen? Ich reime, dächt' ich, doch noch soziemlich zusammen, was zusammen gehört. — Oder trift auchdas nur so von ungefehr zu? Ist Ihnen auch das Zufall? O,Marinclli, so verstehen Sie auf die Bosheit der Menschen sicheben so schlecht, als auf die Vorsicht.
Marinelli. Gräfinn, Sie würden sich um den Hals reden —
Grsina. Wenn ich das mchrern sagte? — Desto besser,desto besser! — Morgen will ich es auf dem Markte ausrufen.— Und wer mir widerspricht — wer mir widerspricht, der wardes Mörders Spießgeselle. — Leben Sie wohl. (Indem sie fort-gehen will, begegnet sie an der Thüre dem alten Galotti, der eiligst hereintritt.)
Sechster Auftritt.Gdoards Galotti- Die Gräfinn- Marinclli.Vdoardo Gal. Verzeihen Sie, gnädige Frau —Grsina. Ich habe hier nichts zu verzeihen. Denn ich habe
°) „oder nie," stand auch in der Handschrift, ist aber verändert „— ichbin nie".