Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
Seite
374
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374 Dämon, oder die wahre Freundschaft.

Legen sie doch endlich einmal, allerliebster Freund, das mir so nach-thcilige Vorurtheil ab, daß sie im Stande wären, mich zu beleidigen.Ein Freund wird über den andern nie verdrießlich. Der Pöbel, deindie süße Vereinigung der Gemüther unbekannt ist, und ewig zu seinemunersetzlichen Schaden, unbekannt bleiben wird, der Pöbel, die Schandedes menschlichen Geschlechts, mag untereinander zürnen. Die Freund-schaft bewaffnet eine edle Seele mit einer unüberwindlichen Sanft-muth. Was ihr Freund thut, was von ihrem Freunde kömmt, ist ihrbillig und angenehm. Die Beleidigungen werden mir durch die bösenAbsichten dessen, der beleidiget, und durch die Empfindlichkeit dessen,der beleidiget wird, zu Beleidigungen. Wo niemand also böse Absich-ten hat, wo niemand empfindlich wird, da haben auch keine Beleidi-gungen Statt. Wird aber ein Freund gegen den andern wohl böseAbsichten hegen? Oder wird ein Freund über den andern wohl em-pfindlich werden? Rein. Drum, liebster Dämon, wenn mir auchdurch sie der größte Schimpf wiedcrführe; wenn ich durch sie um Ehreund Ansehen käme; wenn ich durch sie Gut und Geld verlöhre; wennich durch sie ungesund, lahm, blind und taub würde; wenn sie michum Vater und Mutter brächten; wenn sie mir selbst das Leben näh-men; glauben sie, liebster Dämon, daß sie mich alsdenn beleidiget hät-ten? Nein. So viel Unrecht sie auch hätten, so viel Recht würdensie bey mir haben. Würde sie auch die ganze Welt verdammen; ichwürde sie entschuldigen, ich würde sie lossprechen.

Dämon. Ich will wünschen, Leander, daß ich ihnen mit glei-chem Feuer antworten könnte. Ich will mich bemühen, ihre Freund-schaft nie auf eine so harte Probe zu setzen.

Aeanver. Ey, liebster Freund, wie so kaltsinnig? Zweifeln siean der Aufrichtigkeit meiner Reden? Zweifeln sie, ob meine Freund-schaft diese Probe aushalten würde? Wollte doch Gott, ja wolltedoch Gott, daß sie mich, je eher je lieber, auf eine Art beleidigten,welche bey ander» unvergeblich sey» würde! wie vergnügt, wie ent-zückt wollte ich seyn, die süße Rache einer großmüthige» Verzeihungan ihnen anSznübc».

Dämon. Und ich will mir dagegen wünschen, daß ^ch diesergroßmüthigen Verzeihung niemals möge nöthig haben.

K.cani)er. Ja, Dämon, und ich würde, in gleichen Fällen, auchein gleiches von ihnen erwarten. O! ich kenne sie zu wohl. Ihre