Druckschrift 
2 (1838)
Entstehung
Seite
455
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Vor diesem. 466

ewigen Processe von zwanzig Jahren u»d bey einer erwachsenen Toch-ter daran fehlen sollte! Sin Proceß! eine erwachsene Tochter! Aberwas würde »lir alles das schaden, wenn heut zu Tage unsern Mäd-chen die Ehrbarkeit nicht eben so nnbckannt wäre, als die Gerechtigkeitunsern Richtern? Nein, wirklich; vor diesem war das so nicht! Vordiesem, da alle Richter Rhadamanthcn und alle Mädchen Susannenwaren! Vor diesem, da c§ noch eine eben so große Unmöglichkeit

schien, die Gerechtigkeit zu crkauffcn, als den Himmcl!--Wegen

meines Processes zwar hat mir der President gestern gute Hoffnungmachen lassen. Ich soll hcntc mit »icincm Advocatcn zu ihm kommen.Aber es wird gewiß wieder nichts seyn; denn cS liegt dem Teufel zuviel daran, daß mich die Chikanc nicht in Ruhe läßt Gut, meineTochter, daß du kömmst

Zweyter Auftritt.

Chariras. Wilibald,

N)ilib6ld. Ich hatte jetzt eben meine Gedanken über

Lharitas. Ueber die jetzigen verderbten Zeiten; nicht wahr?Diese sind ja immer der traurige Gegenstand ihrer Gedanken. Wahr-haftig, Herr Vater, es thut mir herzlich leid, daß Sie so wenig fürdiese Welt gemacht sind. Ich dächte doch, sie wäre noch so ziemlich gut.

IVillbald. O Jugend! O meine Tochter, wie sehr wünsche ichdir gesundere Begriffe. Du machst mein ganzes Mitleiden rege. Komm,Kind, und laß dir meine Erfahrungen mittheilen. Sie können deinerjungen Schönheit statt der Stärke des Geistes dienen, die sonst nurdas Vorrecht des Alters zu seyn Pflegt. Ein weniges von meiner Ein-sicht kann dir zehn Jahr mehr geben--

Lharilas. Wie, Herr Vater? Zehn Jahr mehr? Sie bedenkennicht, was Sie sagen. Zehn Jahr mehr? O ein vortreflichcs Geschenkfür ein junges Mädchen.

lVilibalo. Dn verstehst mich nicht.

Lharitas. O ich verstehe Sie ganz wohl! Zehn Jahr mehr?Geben Sie mir, wenn es seyn kann, lieber zehn Jahr weniger. Icherschrecke über diese zehn Jahr mehr.

IVilibalo. Diese zehn Jahr mehr würdcu weder deiner Schön-heit, noch deiner Jugend nachthcilig seyn. Du würdest den Nutzendavon genießen, ohne ihre Last zu fühlen.