4A6 Vor diesem.
Chariras. Wenngleich. Wir wollen uns lieber nicht übereile».Wir wollen dem Lauffe der Natur lieber nicht zuvorkommen. Wenndie finstere Weisheit nur mit dem Alter erlangt wird, so kann sie niespät genug erlangt werden.
U?ilibald. Fürchte nichts, meine Tochter. Bey solchen Gesin-nungen, wird sie dich in deinem Leben nicht incommvdiren.
Chariras. Desto besser!
lVilibald. Dieses desto besser geht mir durch die Seele! Ichfürchte, ich fürchte; du sprichst im Ernst. Vor diesem, Charitas, wa-ren die Mädchen von deinem Alter, weit lehrbegierigcr, weit bescheid-ner. "Vor diesem hörten sie einem vernünftigen und zärtlichen Vatermit mehr Vergnügen zn. Vor diesem liessen sie nicht so auf die Bälleund in die Komödien. Vor diesem lagen sie nicht den ganzen Tagüber den Romanen, die dem Witze nur schmeicheln, um das Herz zuverderben. Vor diesem--
Charitas. Ich höre wohl. Vor diesem waren alle junge Mäd-chen ehrwürdige Matronen. Nicht wahr?
WilibalO. Ja!
Charitas. Sie machen mich zu lachen, Herr Vater.U?ilibalS. Zn lachen? Und ich wollte, daß du über deine Thor-heiten weintest.
Charitas. Die Thorheiten, welche Sie mir Schuld geben, sinddie Thorheiten der Zeit, und nicht meine Thorheiten. Und ist es nichtunsre Pflicht, sich in die Zeit zu schicken? Doch lassen Sie uns dieseUnterredung abbrechen. Philibert ist gestern bey Ihnen gewesen.
IVllibalS. Laß uns diese Unterredung abbrechen, um wieder aufdie erste zu kommen. Man muß sich, sagst du, in die Zeit schicken?O was für ein gefährlicher Grundsatz! Man muß stch nicht von derMenge hinrcissen lassen, sondern man muß den Weg der Tugend wan-deln, und wenn wir auch ganz allein darauf wandelten.
Charitas. Wir werden nicht ganz allein darauf wandeln, wennSie erlauben, daß uns Philibert begleiten darf. Er ist es werth, sichnach ihrem Muster zu bilden. Er liebt Sie; er bewundert ihren rich-tigen und scharfen Verstand; er betet mich an.
Willbald. Er betet dich an?
Chariras. Ja, von Grund seiner Seelen.
U)ilibalS. Von Grnnd seiner Seelen?