Stimmung wurde trübe; in solcher getrübten Stim-mung kehrte er zur Hcimath zurück, gefiel sich imstillen Hinbrüteu, studirtc mystische, kabbalistische undalchymistische Schriften, ja er laborirtc selbst, und begannvielleicht die ersten Entwürfe und Anfänge zu Faust,in denen das geheimnißvolle solcher Studien, wie dieangedeuteten, hindurchklingt, während er viele andereseiner Manuseriptc verbrannte. Doch er sollte nachdes VatcrS strengem Willen das Rechtsstudium inStraßburg fortsetzen, und that es, lernte dort tüchtigeund berühmte Männer, Jung Stiliiug, Lenz, Lavaterund Herder kennen, in deren Umgang sich das etwasaltväterisch und pedantisch zugestutzte Leben erfrischte.Dort knüpfte und loste Goethe den Hcrzensbund inSesenhcim, den er so lieblich geschildert, wurde Doctorder Rechte und rang sich mehr und mehr empor zueinem kraftvollen und genialen Streben. Alles an ihmwar jetzt eigen, selbstständig, ja erccntrisch und anderemächtig anziehend; er fand neue Ausdrücke und über-raschte mit ihnen. Sein Götz erschien und ward mitBegeisterung begrüßt; ein Aufenthalt in Wetzlar gabEindrücke, die den Werther schufen; beide Bücherweckten zahllose Nachahmungen, Gvtz allarmirte dieKopfe, Werther die Herzen der Jugend. Von Stufezu Stufe schritt Goethe nun gemessen hoher zumTempel seines Ruhmes; über Weimar stand der Sternseines Lebens, dorthin zog ihn der Freundesruf desjungen Herzogs Carl August . In Arbeit und Ver-gnügen theilte sich fortan sein Leben; der Hof, dieGesellschaft, der Thüringcrwald, der Harz, Kunst- undNaturstudicn, Botanik und Mineralogie, Karlsbad ,Italien , alles beschäftigte auf das anregendste und inreicher Fülle, dazwischen entstanden die unsterblichenMeisterwerke. Ein in sich ganz klarer, ganz vollen-deter Geist war Goethe geworden, daher trat in ihmeine gewisse Abgeschlossenheit gegen das hervor, wasvon außen sich einzudrängen oder was sich aufzudrängensuchte. So blieb er der Politik im allgemeinen unvmit Recht fern und fremd, so stieß die Kant'schc Phi-losophie den Dichter ab, so vermochte er nicht, Schiller,den eifrigen Jünger dieser Philosophie, von Anfangihrer Bekanntschaft an gleich zu lieben, wie sehr er sich

ihm später als redlicher Freund bewährte. Was alsSchatten an Goethe's Wesen, was als Mangel anmanchen minder hoch zu stellenden Schriften von ihmbezeichnet werden kann, hat die schonungsloseste» Richtergefunden, und hat er sich irgendwo und wie eine lite-rarische Sünde zu Schulden kommen lassen, so hat er-ste um so härter büßen müssen, je großer er war, alsandere. Aber selbst über das Maaß der Gerechtigkeithinaus gingen Feinde und Gegner, ja sogar der blödeUnverstand erhob die Waffe gegen den unübertreffbarenMeister. Seine tiefernsten Natur-Studien wurden ver-kannt, der Dichter sollte nicht auch Naturforschersein wollen, und doch war er ein solcher im Geist undin der Wahrheit. Seine Farbenlehre, seine Meta-morphose der Pflanzen wurden nicht verstanden; mantadelte sie, ohne sie zu studiren. Das alles rauschtevorüber, und unantastbar steht der Ruhm des hoch-begabtesten, ausdauernd fleißigsten und redlich stre-bendsteu Dichters, Kunst- und Naturforschers, Staats-mannes und Weisen auf dem Grundbau seiner Werke.Götz, Tasso, Jphigcnic, Faust, Hermann und Dorotheawerden einig dauern, und wie der Name Homcr'ö durchdas Gedächtniß aller Zeiten klingt, wird Goethe's Name gefeiert sortklingen in allen Regionen des Erd-balls, so lange dieser auf seiner Wandclbahn um dieSonne «mit Brudersphärcn Wettgcsang» tönt, unddas Leben der Menschheit auf ihm Dauer hat. -Glückliches Leben und höchstes Lebensziel verliehen dieHimmlischen ihrem Liebling; er stand ruhig und großüber dem Lärm und den Wirren der Zeit, ihre Wetterund Wolken zu seinen Füßen, sein Haupt im Licht.«Mehr Licht!» war sein letzter Ruf, als sich in seinemdreiundachtzigsten Jahre das irdische Licht verdunkelte.Was Deutschland an Goethe besaß, und was es freudigvon ihm fortbesitzt, das reiche Erbtheil seines welt-umfassenden Geistes, wird immer mehr erkannt werdenvon den kommenden Geschlechtern, und wie im Schluß-wort des größten aller deutschen Gedichte Goethe volltiefer Innigkeit ausspricht: «das Ewig-Weibliche ziehtuns hinan» so werden auch die nach uns kommendenbeim tieferen Verständniß von Goethe's Werken von ihmbekennen: das Ewig-Göttliche zieht uns hinan.