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Reform und Restauration,
das Gefühl ihrer Wichtigkeit. Die jungen Männer mußten glauben,daß es wirklich von ihnen abhänge, ob in Deutschland noch längerdie Metternich und Geutz den Ton angeben sollten, oder ob dieGedanken und Ratschläge von Stein und Gneisenau siegen undder Traum eines freien und glücklichen Vaterlandes verwirklichtwerden sollte. Und wie jede nähere Erwägung vor unüberwind-liche Hindernisse führte, wie sich gar kein legitimer Weg füreine Bethätigung ihres patriotischen Sinnes und ihrer Sehnsuchtnach Erfüllung der patriotischen Pflicht zeigte, wie selbst dasStudium verschränkt und jedes gute Wort mißdeutet wurde: dabegannen manche sich zu radikalen Gedanken zn versteigen und mitleidenschaftlichen Worten zu spielen.
Zwar mir gauz vereinzelt waren Männer wie die BrüderFollen, die den Anschein erwecken, als hätten sie italienisches Ver-schwörerwesen auf deutschem Boden versuchen wollen. Trugen sichdiese ebenso rücksichtslosen wie hochbegabten Natnreu wirklich mitsolchen Gedanken, so mußten sie bald die Unmöglichkeit der Aus-führung erkennen. Denn unter den Burschenschaftern überwogendurchaus die auf innerliche Vertiefung und auf die höchstenProbleine des Glaubens und Wissens gerichteten Natnreu, denenauch das Vaterland nicht alles, sondern immer nur eine wennauch unvergleichlich geliebte und verehrte Stufe zum Bau derEwigkeiten war. Als sie in Würzburg einst heftig über den Gegen-satz der Konfessionen stritten, der Deutschland trennte, einigtensie sich schließlich dahin, daß sie gemeinsam die Gläser leerten ausden Papst, auf Luther und Zwingli , indem das Vertrauen aufden Genius ihres Volkes und die herzliche Freundschaft zu einanderihnen das Verständnis der ungeheueren Geheimnisse, die in jenenNamen beschlossen sind, erleichterten und die Ahnung der Wahrheiteröffneten, die jenseits aller Konsessionen liegt.
Der hat nie das Glück gekostet,der die Frucht des Himmels nichtranbend an des Hollenslnssesschaudcrvollcm Rande bricht!
schrieb Eisenmann, jahrelang der geistige Führer der WürzburgerBurschenschaft, 1821 iu das Stammbuch eines Freundes, und in