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Die Bildung der Parteien.

in praktischen Fragen, richtete sich nnr gegen das Streben einfluß-reicher Mitglieder dieser historischen Schule, Mißbräuche der Gewaltund dein Staate ebenso gefährliche wie der Verminst widersprechendePrivilegien mit dem heiligen Harnisch des überlieferten Rechts zuschützen. Rotteck hatte einen stark doktrinären Zug, aber er warkein einseitiger Doktrinär. In den praktischen Fragen wußte ersich sehr wohl auf den Boden der thatsächlichen Verhältnisse zustellen. Er hielt die Republik an sich für die vollkommnere Staats-form, aber in Deutschland trat er für die Monarchie ein, undebenso betrachtete er die thatsächlich vorhandenen Gruppen der Ge-sellschaft als Faktoren, die je nach ihrem Zustande zu erhaltenoder zu bessern seien. Den Adel hielt er für überlebt, aber dasZunftwesen für lebenskräftig. Die Wahlen für die gesetzgebendenKörper forderte er nicht nach Köpfen, sondern mehr nach Weiseder ständischen Verfassungen. Die inneren und äußeren Verhält-nisse der Staaten, der Charakter der Völker, die geschichtlichenErinnerungen, Gewohnheiten und Sitten sollten dabei berück-sichtigt werden. Immer stärker quälte ihn die Sorge, daß diePartei der konstitutionellen Monarchie dnrch den Übermut und dieGewaltthätigkeit der Absolntisten zersprengt werde, nnd daß ihreAnhänger zu den Radikalen gedrängt würden. Um dieser Gefahrnach Kräften zu begegnen und sich selbst vor der Verzweiflung zuretten, die ihn bei dem Gedanken erfaßte, daß Deutschland sichverzehren könne in einem Kampfe zwischenSultanismus undDemagogie" vereinigte sich Rotteck mit seinem Freunde Welcker znrHerausgabe des Staatslexikons.

K. Th. Welcker war 181316 Professor in Kiel , dann inHeidelberg und Bonn , und war in allen diesen Stellungen für dieSache der Reform mutig eingetreten. Er wnrde während der Dema-gogenhetze in Untersuchung gezogen, wehrte sich aber mannhaft undin Freiburg , wohiu er 1823 berufen wurde, gründete er mit Rotteckzusammen die ZeitungDer Freisinnige". Sie wurde vom Bundes-tage (19. Juli 1832) unterdrückt, nnd zugleich wurde er wie Rotteckseines Amtes entsetzt. 1840 erhielt er seine Professur zurück, aber1841 wurde sie ihm wieder genommen, weil er im Landtag derNegierung nicht zn Willen war. Welcker setzte jedoch den Kampf