Eichhorn. Kirche und Thcologic.
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Recht und seine eigenste Pflicht, hätte das verleugnet, was ihm alleinWesen und Wert giebt, hätte er das Wagnis gescheut, der wissen-schaftlichen Forschung auf diesen Wegen zu folgen. Aber nun sahensich die Theologen auf Höhen uud in Tiefen geführt, aus denen keineRückkehr zu dem Glauben der Väter möglich schien. Gleichzeitig hattendie historischen und philologischen Studien eine Fülle von Materialund eine Sicherheit der Methode geschaffen, die das Stndium derheiligen Schrifteu dem subjektiven Belieben entrückte, zugleich aberden alten Jnspirationsbegriff und mit ihm eine Hauptgrundlageder alten Auffassungen beseitigte. Da erstand in Schleiermachers religiöser Persönlichkeit den deutschen Theologen und der evan-gelischen Kirche gewissermaßen ein greisbarer Beweis, daß sie nichtzu verzagen brauchten in diesem Meere der Forschung und derZweisel, und zu den Laien, die in Schleiermacher den Führerfanden, gehörte auch der Minister Eichhorn.
Indessen es giebt ja keine dauernde Beruhigung im Ringender Geister, und namentlich seit 1835 erschienen in Strauß' LebenJesu und anderen Werken Früchte der Forschung, die ängstlichen Ge-mütern Entsetzen einflößten nnd auch nnter den Freunden der freienForschung mannigfaltigen Anstoß erregten. Zwei Menschenaltersind seitdem vergangen, von den einzelnen Behauptuugen und Be-weisen jener Arbeiten ist vieles beseitigt, aber schon nach wenigenJahren hatte ihr Grundgedanke, daß auch die Forschung über diebiblischen Bücher schlechthin sich nnr nach den Regeln der historischennnd Philologischen Kritik richten dürfe, die erheblichste Verbreitungnnd zahlreiche Anhänger gestunden. Das hatte nun eine allgemeinereBedeutung, denn dadurch wurde jener Grundzug der evangelischenKirche, daß sie jedes ehrliche Ringen um die Wahrheit iu demRahmen ihres Glaubenslebens bewahren und mit dem Segen reli-giöser Gemeinschaft stärken und begleiten kann, mit einer Schärfeund Bestimmtheit ausgeprägt wie uie zuvor. Gerade der Mangelan Klarheit in diesem Punkte hatte dazu beigetragen, die evan-gelische Kirche oftmals wieder in die Wege zn locken, ans denendie katholische wandelt, und auf denen sie es ihr doch nicht gleich-thun kann. Natürlich ging die weitere Entwickelung vielfach inrückläufigen Bewegungen, aber die Bahn ist doch gesteckt, das Ziel