Eichhorn. Der König und die Kirche.

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über theologische Konflikte kaum etwas Schöneres und Reiferes lesenals den Brief, den er im Dezember 1855 an Bunsen über dessenStreitschriftZeichen der Zeit" gegen Stahl und Hengsteubcrgrichtete. Auch als Schriftsteller zeigt er hier eine seltene Feinheitund Überlegenheit, die ihm aber auch zu einer Versuchung werdenmußte, wenn er in seiner hohen Stellung über die Bestrcbuugeuund Meinungen von Geistlichen und Gelehrten zu urteilen hatte.Es ist eben etwas anderes, in der Muße einer unverautwortlichcuStellung seinen Gedanken über die Strömuugen der Zeit freienLauf lassen und im Amt eines Kultusministers jener Tage sieglauben leiten zu müssen. Dieses Amtsgefühl ^raubte ihm dieRuhe, wenn er die Pfeiler der Kirche unterwühlt zu seheu wähnte.Dazu kam nun ein starker Druck, der von dem Könige und seineinnäheren Kreise ausging.

Dogmatisch stand der König ähnlich, er war auch Eklektikerwie Eichhorn, aber zugleich zog es ihn zu der in mystischen undpietistischen Erregungen schwelgenden Gruppe seines Hofes, die inden Generalen Gerlach und Thiele ihre Häupter hatte uud aufdas Bekenntnis und seinen Buchstaben weit stärkeres Gewicht legteals der Köuig selbst. Diese Richtung wurde tonangebend, uud eshuldigten ihr auch Leute, deueu es schlecht zu Gesicht stand; undda nun manche Vorgänge in diesen frommen Kreisen und manchesWort aus dem Muude des Königs selbst mit der einfachen Strenge,die das Volk von ehrlicher Frömmigkeit nicht trennen mag, inWiderspruch staud, so war mau rasch mit dem Urteil fertig, daß alldas fromme Gethue des Hofes nicht echt sei. Selbst ein hoch-stehender Staatsbeamter sagte es war bei Gelegenheit derVerhandlungen des Staatsrats über das Ehescheidnngsgesetz,ein dicker, stinckender Nebel der Heuchelei und der Beängstigunglag über den Verhandlungen". Dies Gesetz wurde der neuen Re-gierung überhaupt verhängnisvoll. Fast zwei Jahre hindurch(18421844) hatten die Gerlach und Genossen dnrch ihre For-derung, die freieren Grundsätze des Allgemeinen Landrechts überdie Ehescheidung zu beseitigen, das Land in Aufregung versetzt.Der König fand zuletzt noch die Kraft, ihnen in der Hauptsachezu widerstehen, aber das Land hatte das Gefühl, wie verderblich