286
Vor der Revolution. 1840—1848.
des religiösen Interesses nicht unterschützen, das sich in den bürger-lichen Kreisen regte. Hier waltete jetzt jener fromme Rationalis-mus vor, der zu Anfang des Jahrhunderts am Hofe und in dengelehrten Kreisen geherrscht hatte, die sich teils einem romantischenSnpranaturalismus, teils dem „modernen Heidentum" zuwandten,das aus humanistischen wie aus naturwissenschaftlichen Quellengespeist wurde und seine Unzulänglichkeit noch nicht erkannt hatte.Es war den Bürgern ernst um ihre religiösen Ideale, und dieMonarchie mußte es büßen, daß Friedrich Wilhelm IV. und seineVertrauten diese Ideale abschätzig behandelten und ihre liebstenPrediger mit Willkürakten verfolgten und aus der Kirche stießen.So verknüpfte sich die kirchliche Frage unlösbar mit der politischen.
Während so der König die evangelische Kirche nur in Auf-regung versetzte und in ihrer Entwickelung mehr störte als förderte,gab er der katholischen Kirche mit einer unbegreiflichen Leichtherzig-keit ein Recht der staatlichen Aufsicht nach dem anderen preis, undinnerhalb der katholischen Kirche die staatstreuen Gemäßigten demstreitbaren und fanatischen Ultramontanismus. Das Leben desErzbischoss Geissel bietet reiches Material zur Geschichte dieserSelbstentwaffnnng des preußischen Staates gegenüber diesem un-versöhnlichen Gegner, der von dein großen Kurfürsten an bis zumKriege von 1870 stets die Gegner des preußischen Staates unter-stützt hat.
Friedrich Wilhelm IV. nnd die Liberalen.
Auch auf anderen Gebieten hatte der König keinen Erfolg.Er gab dem alten Arndt seinen Lehrstuhl zurück, berief den seit1837 verfemten Dahlmann nach Bonn und erfreute das Volk durchmanch ähnlichen Akt. Der Jammer der Demagogenzeit schien über-wunden. Auch die Censur wurde erleichtert, und es begann einfrisches Leben in der Presse. Die Rheinische Zeitnng, die 1842von einigen reichen Industriellen der Rheinlande gegründet wurde,war politisch ein bedeutendes und uuabhängiges Blatt, im Wett-kampf mit ihr hob sich auch die bisher unbedeutende KölnischeZeitnng, nnd das Ministerium selbst verhandelte mit Dahlmannüber die Begründung eines Blattes, das unter dem Namen einer