Kleist-Retzow. Die Provinzialstände.
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lag nicht die Hauptnot. Die ganze Art öffentlich-rechtliche Dingeaufzufassen, das politische Denken Kleist-Retzows bewegte sich injunkerlichen Vorstellungen, die dem Rheinlande fremd waren, under hat schließlich auch nur mit den groben Mitteln des Polizei-staates regiert, die seine Partei wenigstens adligen Grundherren,wie dem Grafen von Fürstenberg gegenüber sonst grundsätzlichverwarf.
Es war doch störend, daß ein so vornehmer Herr laute Be-schwerde erhob, wie formlos und rechtswidrig die Verwaltunggegen ihn verfahre.
Zur Sache erklärte Fürstenberg, er sei nach sorgfältigerPrüfung zu der Überzeugung gekommen, daß die angeordneteinterimistische Provinzialvertretung mit der Verfassung und mitder verfassungsmäßig erlassenen und gehörig publizierte» Kreis-,Bezirks- und Provinzialvrdnung unvereinbar sei. Er fühle sichdeshalb in feinem Gewiffen gebunden, sich an den Wahlen für denProvinziallandtag nicht zu beteiligen: er würde sonst „der Ver-fassung die beschworene Treue brechen und bestehenden Gesetzen denschuldigen Gehorsam verweigern". Bethmann-Hollweg betonteebenfalls die sittliche Bedeutung des Vorgangs, die Verletzung desRechts. Er erklärte, mit der Regierung einverstanden zu sein indem Wunsche, die Gesetze vom 11. März 1850 im konservativenSinne umzugestalten, aber er wünsche die Verfolgung dieses Zielesauf gesetzlichem Wege.
Das Gesetz als das Gebot der höchsten Obrigkeit im Staate verpflichtetnicht bloß den Unterthan in seinem Gewissen, sondern begründet vor allemsür die Obrigkeit selbst die Pflicht der Wahrhaftigkeit und Treue in Bezugauf das von ihr gesprochene Wort. Nicht bloß der offene Bruch dieserTreue, schou der mögliche Zweifel an derselben untergräbt das Ansehn derObrigkeit und erschüttert den Glauben des Volkes an Sittlichkeit im öffent-lichen Leben.
Im einzelnen enthielten seine Ausführungen viel Künstliches,machten den Eindruck des Widerspruchs und ließen erkennen, das;der Verfasser von der wichtigsten Eigenschaft des praktischenStaatsmanns, den Hauptpunkt scharf im Auge zu behalten, nurwenig besitze, aber man fühlte, daß hier ein konservativer undstreng royalistisch gesinnter Mann schrieb, und das gab seinem