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Regentschaft und Anfänge König Wilhelms I.

Nationalfest. Ein Bekenntnis legte die deutsche Nation ab, daß sie, wie zer-rissen auch äußerlich, innerlich unzerreißbar ist, und daß die Symbole ihrerEinheit ihr über alles teuer sind. Mehr aber als das.. . mit der Größedes Dichters haben wir auch das gefeiert, was ihm zur letzten Vollendungnoch mangelte. Indem wir mit dein Dichter den Menschen feierten, ist eruns als ein Symbol aller der moralischen Güter erschienen, die uus nochvorenthalten sind und zu denen wir daher in einer Stimmung emporblicken,welche die Grundstimmung sämtlicher Schillerschen Dichtungen ist. Und hierfreilich lag ein verzeihlicher Irrtum nahe. Je verkümmerter irgendwo inunserm Vaterlande daS staatliche oder nationale Leben, je bestrittener dieFreiheit des Gewissens und der Rede, je unentwickelter das öffentliche Rechtund je verstimmter der öffentliche Geist war, um so leichter mochte man derVersuchung unterliegen, den Idealen des Dichters unmittelbar die Forde-rungen der Gegenwart unterzuschieben und den Kultus seines Namens zufremdartigen Demonstrationen zn mißbrauchen. Der allgemeine Charakterdes Festes ist von solchen vereinzelten Bestrebungen nicht getrübt worden.

Diese Betrachtung ist unter dem unmittelbaren Eindruck derReden und Feste geschrieben morden und trifft das Wesen derSache. Die Sehnsucht des deutschen Volkes nach einen: Vaterlande,nach gesetzmäßiger Freiheit in Staat und Kirche fand in der Ver-ehrung und dem Ruhme des großen Dichters einen verklärtenAusdruck. Vor allem gegen den kirchlichen Druck, die Frömmelei,die sich an den durch Sittlichkeit wahrlich meist nicht hervorragendenHöfen breit machte, und die dogmatische Zwangsjacke, welche ein-seitige Theologen und herrschsüchtige Priester auch in Protestan-tischen Landen dem religiösen Empfinden anlegen wollten, erhobman sich, indem man des Dichters gedachte, der seinen Glauben indem Epigramm charakterisiert hatte:

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,

Die dn mir nennst. Und warum keine? Aus Religion.

Jakob Grimm knüpfte in der Festrede, die er bei der Schiller-feier der Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, an dies Epi-gramm Betrachtungen an, die den engen Zusammenhang diesergeistigen Interessen mit den politischen offenbaren. Auch so un-politische Naturen wie Jakob Grimm fühlten sich zum Kampfe gegendie Reaktion aufgerufen.

Die Religion, sagte Grimm, lebt in ihm, und die lebendige ist auch diewahre. Vor ihr kann nicht einmal von Rechtgläubigkeit die Rede sein, weilscharf genommen alle Spitzen des Glaubens sich spalten und in Abweichungen