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Am gefährlichsten erschien zunächst die sorgenvolle EifersuchtNapoleons. Er hatte Preußens Erhebung gewünscht und gefördert,aber daß dieser Staat, den er ähnlich wie Italien begünstigen undbenutzen zu können glaubte, so riesenhafte Kräfte entwickelte undmit einem Male selbst den militärischen Glanz der französischenArmee verdunkelte: das konnte er nicht ertragen, denn das wolltendie Franzosen nicht ertragen, und damit verlor er die Hoffnung,seiner Dynastie den Thron in Frankreich zu sichern. „Revanchefür Sadowa" blieb das Schlagwort, das die folgenden Jahre hin-durch Frankreichs Politiker und vor allem den lärmenden poli-tischen Pöbel Frankreichs erregte.
Alles das sah Bismarck klar voraus, als er über das Schlacht-feld ritt. Er war mit dem Gedanken gekommen, im Schlacht-getümmel den Tod zu suchen, wenn hier seine stolze Politik dieProbe nicht bestand. Sie hatte die Probe bestanden, über alleErwartung hinaus, und auch er bestand die Probe. Er ließ sichvon dem Strome des Glücks nicht fortreißen: hier, auf dem Schlacht-felde selbst noch faßte er den Gedanken, daß es notwendig sei,Österreich einen ehrenvollen Frieden anzubieten, um die Ernte zusichern, die auf diesen blutigen Feldern gewonnen war. „Nichtvernichten und demütigen dürfen wir Österreich , wir müssen es zumFreunde und Bundesgenossen gewinnen für das unter Prenßen zueinigende Deutschland ": das war seine Überzeugung. Es war ihmschwer geworden, den König Wilhelm zum Kriege zu bestimmen,es sollte ihm abermals sehr schwer werden, den König nach diesenSiegen und nach den Erfolgen, die sich in den folgenden Wochenin Süddeutschland wie auf dem böhmisch-mährischen Kriegsschau-platze daran reihten, zu so weise beschränkten Friedensbestiinmnngenzn bewegen.
Die Verhandlungen wurden dadurch erschwert, daß Österreich Napoleous Vermittelung angerufen uud ihm am 2. Juli Venetien abgetreten hatte, damit er Italien zum Frieden bestimme. BeiCustozza hatten die Österreicher am 24. Juni das italienische Heerentscheidend geschlagen und bei Lissa am 20. Juli auch die Flottebesiegt. Wenn sie die siegreiche Armee an die Donan werfenkonnten, so mochten sie hoffen, den Widerstand gegen die Preußen