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Bismarck für einen Militürchattache bei der Gesandtschaft in Peters-burg forderte, und endlich verirrte sich die Linke dazu, trotz dergespannten Lage eine Verminderung unserer Heeresrüstung zu ver-langen. Das geschah zuerst im Reichstage des Norddeutscheu Bundesim Mai 1869, was Bismarck Anlaß gab zu der schlagenden Er-klärung: daß es falsch sei, die Ausgaben für die Armee als „un-produktive Ausgaben" zn bezeichnen. „Die Kosten daran zu spare«,kann sehr teuer werden .. . Gerade wie ein Dach vor dem Wetterschützt, ein Deich vor der Überschwemmung, schützt auch unsereArmee unsere Produktivität in ihrem ganzen Umfange." Im Ab-geordnetenhause wagte Virchow trotzdem am 21. Oktober 1869 denAntrag zu stellen, die Regierung aufzufordern, „dahin zu wirken,daß die Ausgaben der Militärverwaltung des Norddeutscheu Blindesentsprechend beschräukt und durch diplomatische Verhandlungeneine allgemeine Abrüstung herbeigeführt werde". Der Antrag wurdenach kurzer Debatte mit 215 gegen 99 Stimmen abgelehnt, aberer zeigte doch, wie stark die Fortschrittspartei in den Gedanken undSchlagworten der Konfliktszeit fortlebte. Im Oktober 1869, damalsals Frankreich mit Österreich uud Italien den Angriff auf unsplanten, als auch die Bürger, die davon keine Kenntnis hatten, austausend Zeichen wußten und fühlten, daß wir den großen Ent-scheidungskampf mit Frankreich noch zn bestehen haben würden:damals haben sich 99 Abgeordnete für einen Abrüstungsantrag ge-funden! Man weude nicht ein, daß der Antrag nur theoretischeBedeutung hatte, daß er nur Verhandluugen über allgemeine Ab-rüstung empfahl: es lag darin die Anklage, daß die Regierungfür die Rüstung des Landes zu viel aufwende, und wie teuerhätten wir es im Juni 1870 bezahlen müssen, wenn die Regierungim Winter 1869/70 diesem Andringen nachgegeben hätte! Fürdie liberale Partei bedeutete dieser Antrag eine empfindliche Nieder-lage, und er hat sicher noch lange nachgewirkt und die Bitterkeiterhöht, mit der sich Bismarck bald wieder gegen sie kehrte.
Schon im Juli 1869 war Bismarck von diesen Kämpfen soerschöpft, daß er uicht nur längeren Urlaub nehmen mußte, sonderusich anch von einem Teil der Geschäfte, vor allen: von dem Vorsitzim preußischen Staatsministerium entbinden ließ. Aber die Größe