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Kaiser und Reich.

setzung Bismarcks mit seinen ehemaligen Freunden von der Kreuz-zeitung 1867 zu klarem Ausdruck gelangte.

Bismarck stützte sich auf die Liberalen und führte wesentlicheForderungen ihres Programms durch, aber er hatte auch vielfachmit ihnen zu kämpfen. Besonders schmerzte ihn, daß sie sich imBunde mit Konservativen wie Kardorff seinen Plänen einer Steuer-reform widersetzten, und zwar teilweise weniger aus sachlichen Er-wägungen als aus Gründen der Parteitaktik. Die Zeiten habensich geändert, die große Masse der Bürger hat unter herben Er-fahrungen über direkte und indirekte Steuern seither anders denkengelernt, und der leidenschaftliche Kampf der Interessentengruppenhat das Verständnis für diese Fragen geschärft; aber es ist immernoch sehr lehrreich heute die Debatten zu verfolgen, in denen vor nundreißig Jahren Bismarck für eine Beseitigung der unteren Stufender Klassensteuer stritt und den Ersatz durch Besteuerung der Ge-nußmittel schaffen wollte,die massenhaft genug verbraucht werden,um einen finanziellen Ertrag zu geben", besonders Branntweinund Tabak. Am 21. Mai 1869 begann er die gewaltige Rede,in der er die Grundgedanken seiner Steuerpolitik entwickelte unddie Opposition wesentlich darauf zurückführte, daß die Linke durchErhöhung der Einnahmen aus indirekten Steuern ihren Einflußauf das Budget vermindert zn sehen fürchte, mit der Anklage:

Wir verlangen von Ihnen Brot, und Sie geben uns Steine; Sie thun,als ob Sie die Sache weniger anginge als die Negiernng, als ob es einLand der Abgeordneten gäbe und ein Land der Regierung . . . Die Masken,die wir augenblicklich tragen, sind vorübergehende; ich bin heute Minister,Sie sind heute Abgeordnete: das kann morgen umgekehrt sein . . . Diedirekten Steuern, ... die mit einer gewissen eckigen Brutalität auf deinPflichtigen lasten, . . . rechne ich nicht zu den leichten, ich kann anch nichtdazu rechnen die auf den ersten Lebensbedürfnissen ruhenden, auf Brot undSalz . . . Solange wir noch das Brot besteuern, solange nur noch denKopfgroschen ftie niedrigste Stufe der Klassensteuer^ von dem einzelnenMitglied der Tagelöhnerfamilie fordern, und dabei diejenigen Genüsse, dieich jedermann gönne, anch dem ärmsten, denen er sich aber, wenn er nichtdas Geld dazu hat, eine Zeitlang wenigstens zu entziehen vermag geringoder gar nicht besteuern, so lange ist die Klage über die Mahl- und Schlacht-steuer und über die Kopfsteuer absolut berechtigt.

Hoverbeck, der Führer der Linken, verletzte ihn damals auchdurch die kleinliche Art, mit der er 6000 Thaler streichen wollte, die