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Kaiser und Reich.

Seite das Reichswappen, auf der anderen das Bild des Landes-herrn zeigten, eine Schar voneifrig wandernden Aposteln", diedem Volke predigten,daß die Fürsten fest am Reich hingen undGlieder des Reiches fein wollten".

Das Reich und die kirchlichen Verhältnisse.Die kirchlichen Verhältnisse waren von der Verfassung desNorddeutschen Bundes den Einzelstaaten überlassen, nur der all-gemeine Grundsatz war am 3. Jnli 1869 vom Bunde festgelegtworden, daß aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisseskeinerlei Beschränkungen der bürgerlichen oder staatsbürgerlichenRechte hergeleitet werden dürften. Alle Beschränkungen, die einzelneStaaten bis dahin noch festgehalten hatten, namentlich bezüglichder Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung, warendamit aufgehoben. Außerdem stellte das am 31. März 1870 sürden Bund erlassene Strasgesetzbnch Gotteslästerung und die Be-schimpfung von Religionsgesellschaften, ihren Einrichtungen undGebräuchen unter Strafe, sowie auch den Mißbrauch des geistlichenAmtes zur Störung der öffentlichen Ordnung. Bei der Revisionder Verfassung im März 1871 suchten die Ultramontanen einigeSatze iu die Reichsverfassung einzuschieben, welche die sogenannteFreiheit der Kirche proklamierten, um die Aufsichtsrechte, welche denRegierungen der Einzelstaaten über die katholische Kirche zustanden,mit einem Schlage zu beseitigen. Sie forderten das als eine»Teil der Grundrechte des deutschen Volks und rechneten dabei aufden guten Klang, den das Wort Grundrecht bei den Liberaleilfinden würde. Aber die Lift war doch zu offenkundig, und derAntrag auf eine vermutlich endlose Debatte über Grundrechtewurde überhaupt abgelehnt. Dagegen wurde im Dezember 1871auf Antrag der bayerischen Regierung der Artikel des Strafgesetz-buches über den Mißbrauch des geistlichen Amtes verschärft (Kanzel-paragraph). Die bayerische Regierung suchte hier Hilfe bei derReichsgesetzgebung gegen die katholischen Geistlichen ihres Landes,die durch das Vatikanische Konzil zum Angriff gegen das Landgedrängt wurden. Die Mehrzahl der Bischöfe von Frankreich ,Österreich-Ungarn und Deutschland hatte gegen die Dogmatisiernng