Das Socialistengesetz.

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NUN einmal vorhandenen Bedürfnissen begründet, sie muß Luftund Licht haben, oder sie nimmt eine verderbliche Richtung. Seitder Beseitigung jenes Ausnahmegesetzes im Januar 1890 offen-barte sich rasch, daß die schimmernden Theorien der socialdemo-kratischen Führer die Not nicht meistern können, daß Hilfe nurauf dem Wege der Reform der bestehenden Verhältnisse kommenkann. Marx' Lehre, daß die Proletarier den einzigen Standbildeten, der übrig bleibe in dem Zersetzungs- und Verelendungs-prozeß der modernen Industriestaaten, erweist sich als Irrlehre:auch die anderen Klassen haben Kraft und auch sie haben in demmodernen Getriebe Wnrzel und Boden. Als Irrlehre erweist sichferner fein Spott auf die Religiou uud die sittlichen Mächte deralten Gesellschaft. Die Verhandlungen der jüngsten Delegierten-tage der socialdemokratischen Partei und zahlreiche Erscheinungenihrer Litteratur zeigen, daß diese Erkenntnis bereits eine Macht istin der Partei.

Vollends aber unverträglich ist dieser Versuch gewaltsamerUnterdrückung mit der Thatsache , daß der deutsche Reichstag, alsodaß das Organ der Gesetzgebung im Deutschen Reiche auf dem all-gemeinen und gleichen Wahlrecht beruht. Will man die gewalt-same Unterdrückung der socialdemokratischen Partei versuchen, somuß man mit der Beseitigung des allgemeinen Wahlrechts be-ginnen. Dieser Versuch würde aber nur Unheil bringen, die Krisiswürde verlängert und vergiftet werden.

Man kann sich darüber wundern, daß Bismarck, der das all-gemeine Wahlrecht dem eher widerstrebenden Volke aufzwang, trotzdemimmer gewaltsame Unterdrückung der Bewegung forderte. Aber erhatte hier die Grenzen der ihm bestimmten Aufgabe erreicht, erhatte dem Bürgertum den vollen Anteil am Staate verschafft unddie alte Feudalpartei gezwungen sich in die konstitutionelle Staats-form einzufügen: daß uun die Massen des vierten Standes dieunter Donner nnd Blitz und unter unsäglichen Mühen geschaffeneOrdnung des Staates für unzureichend erklärten, daß sie eine Um-gestaltung forderten das konnte ihm nur als ein Frevel er-scheinen, oder doch als eine Aufgabe, die einer anderen Generationzu überlassen sei. Er verschloß sich der Thatsache nicht, daß hier