666

Kaiser und Reich.

große Kräfte in Bewegung seien, und daß der Staat sie nichtübersehen dürfe, aber er glaubte nur die Quellen der Not stopfenzu sollen, aus der die Bewegung gefährlichen Znflnß erhielt. Anchbei den bisher Schutzlosen im Staat" sollte sich die Überzeugungeinbürgern,daß der Staat nicht bloß sich ihrer erinnert, wenn esgilt Rekruten zn stellen .. . sondern daß er auch an sie denkt,wenn es gilt sie zu schützen nnd zu stützen, damit sie mitihren schwachen Kräften auf der großen Heerstraße des Lebensnicht übergerannt und niedergetreten werden". Dies Werk hater allerdings in feinem großen Stile in Angriff genommen. Erbesreite die Arbeiter von dem schwersten Druck durch Beseitigungder untersten Stufe der Klassensteuer und bezeichnete diese Hilfenicht als ein Almosen, nicht als eine Gnade, sondern als eineForderung der Gerechtigkeit, und mit der kaiserlichen Botschaftvom 17. November 1881 wurde eine Reihe von Gesetzen ein-geleitet, die dem Arbeiter Schutz gegen übermäßige Ausnutzungseiner Kraft und gegen die Gefahren seiner Thätigkeit sicherten,sowie ein System von Versicherungen geschaffen gegen Krankheit(1883), Unfall (1884), Invalidität und Alter (1889). Diese Ge-setze waren ein großes Wagnis. Es schien, daß die Industrie dieLasten nicht tragen könne, die ihr damit auferlegt wurdeu. Aberdas Wagnis ist gelungen, Handel und Gewerbe sind blühend wievielleicht nie zuvor, und im Jahre 1896 betrug die Zahl der Ent-schädigten und Renteuempfänger bereits 3 350 000, und der jähr-liche Anfwand berechnete sich bereits auf 230 Millionen. DieseGesetzgebung trägt den Stempel wahrer Größe nnd genügt alleinschon, auch das letzte Jahrzehnt von Bismarcks Regiment zumGegenstande der Bewuuderuug zu machen, und sachkundige Stimmendes Auslandes haben dieser Bewundernng wiederholt in begeistertenWorten Ausdruck gegeben.

Die Socialdemokratie hat gegen diese Gesetze gestimmt, teilsweil sie ihr nicht genügten, vorzugsweise jedoch aus taktischenGründen, aber trotzdem würde es falsch sein, zn verkennen, daßdie Gesetze niemals erlassen worden wären, wenn nicht die Machtder Socialdemokratie die Negierung und die bürgerlichen Parteiendazn angetrieben und gezwungen hätte. Schon diese Thatsache,