P> Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
Man braucht nun bloß die Erwägung anzustellen, daß diejenigenArten von Geld, welche nur Geldfunktionen verrichten können, wie dasPapiergeld, auf Voraussetzungen beruhen, die nur bei einer bereits hoch-entwickelten Volkswirtschaft und bei ausgebildeten Rechtsverhältnissengegeben sind, und man wird zu der Erkenntnis geführt, daß die Scheidungzwischen Geld und Ware in dem Maße, in welchem sie heute besteht,nur als Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses entstanden seinkann. Wenn, man nach den Anfängen des Geldes suchen will, wird mansich deshalb damit bescheiden müssen, an den geringfügigsten Differen-zierungen zwischen Geld und Gebrauchsgut anzuknüpfen, und man wirddann zu verfolgen haben, wie dieseTInterschiede allmählich zu schärfererAusprägung gelangt sind.
§ 2. Die rationalistische Erklärung der Entstehung des Geldes.
Die ersten-Denker, welche sich mit der Ergründung des Geldwesensbeschäftigten, haben sich die Aufgabe, die Entstehung des Geldes zuerklären, nicht allzuschwer gemacht. Sie hatten das Geld vor sich alseine fertige Einrichtung, welche gewisse auf der Hand liegende Zweckeauf das beste erfüllte; die Erkenntnis der Zweckmäßigkeit des Geldessahen sie ohne weiteres als das treibende Moment bei der Einführungdes Geldes an: sie hielten das Geld für ein Erzeugnis zweckbewußtermenschlicher Willeustätigkeit. Das war die Zeit, in welcher die historischeErforschung weit zurückliegender Vorgänge sich noch keiner syste-matischen Pflege erfreute, und in welcher man die mangelnde Kenntnisder positiven Vorgänge durch deduktive Konstruktionen ersetzte. Allezweckmäßigen Einrichtungen des wirtschaftlichen und politischen Zu-sammenlebens wurden damals auf schöpferische Willensakte der Mensch-heit oder einzelner Völker zurückgeführt. Wie man die Entstehungdes Staates daraus erklärte, daß die einzelnen Individuen, um demKampfe aller gegen alle ein Ziel zu setzen, einen „Gesellschaftsvertrag"geschlossen hätten, ebenso erklärte man sich die Entstehung des Geldesdaraus, daß die Menschheit zur Erleichterung des Tauschverkehrs aufGrund eines Übereinkommens ein allgemeines Tauschmittel geschaffenund daß sie die Edelmetalle wegen ihrer ganz besonderen Vorzüge fürdie hierbei in Betracht kommenden Funktionen zum allgemeinen Tausch-mittel bestimmt habe.
Der Gedanke ist in der Tat sehr naheliegend, daß die uns zweck-mäßig erscheinenden Einrichtungen, die ihrer Natur nach Menschenwerksein müssen, aus der Erkenntnis ihrer Zweckmäßigkeit heraus mit be-wußter Absicht geschaffen worden seien. Man ist geneigt, die zweck-mäßigen Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens, die nicht von einemeinzelnen geschaffen, sondern aus dem Zusammenleben hervorgegangensind, ebenso zu betrachten, wie geistreiche Entdeckungen und Erfindungeneines einzelnen Kopfes. Die geschichtliche Forschung hat jedoch in