I. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 4.
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genügen; die daraus hervorgehende allgemeine Begehrtheit hat dieMetalle als besonders geeignet zum Tauschmittel erscheinen lassen.
Gold und Silber begegnen uns als Tauschmittel in der frühesten,unseren Forschungen zugänglichen Zeit bei den Assyriern, Babyloniernund Ägyptern. Für Griechenland bezeichnet Plutahch das Eisenals das früheste allgemeine Tauschmittel, und in dem konservativenSparta hat sich das Eisengeld noch bis in spätere Perioden hinein er-halten. In Italien hat von allen Metallen am frühesten das KupferGelddienste versehen. Zinngeld finden wir namentlich bei den Malayen.deren Land sich durch einen großen Reichtum an diesem Metalle aus-zeichnet.
Überall jedoch haben mit fortschreitender Kultur die Edelmetalleden Vorrang gewonnen und immer ausschließlicher die Funktionen desGeldes in sich verkörpert. Neben ihnen sind unedle Metalle, namentlichKupfer, nur in geringem Umfange zur Ergänzung des Geldsystems durchkleine Stücke beibehalten worden; alle übrigen Güter, die ursprünglichGelddienste versahen, haben diese Stellung gänzlich verloren.
Man hat oft diese Entwicklung als etwas Wunderbares und Uner-klärliches angesehen und einen inneren Widerspruch darin gefunden,daßgerade die Edelmetalle, die keinem dringenden Bedürfnisse, sondern nurdem Schmuckbedürfnisse und der Eitelkeit dienen, zu der hervorragendenund beherrschenden Stellung im wirtschaftlichen Verkehr gekommensind, die das Geld einnimmt, und daß jedermann bereit ist, die an sichentbehrlichen Edelmetalle im Austausche für die allernotwendigsten Be-darfsgüter anzunehmen.
Aber dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Wie ein genaueresEindringen zeigt, verdanken es die Edelmetalle gerade ihrer relativenEntbehrlichkeit, verbunden mit ihrer Schönheit, ihrer Seltenheit undanderen Eigenschaften, daß sie zum wichtigsten Geldstoff der Kultur-welt geworden sind.
Ihre Schönheit und Formbarkeit lassen sie als Rohstoff für Schmuck-gegenstände und für Geräte aller Art — ganz unabhängig vom Urteilüber die „Nützlichkeit" — allgemein begehrt erscheinen. Obwohl nirgendsein zwingendes Bedürfnis nach Edelmetallen besteht, wie etwa nachNahrung und Kleidung, so ist doch die Nachfrage nach Gold und Silberzu Luxuszwecken viel weniger begrenzt, wie die Nachfrage nach denfür die Erhaltung des Lebens notwendigsten Gütern. An Nahrung mehraufzuhäufen, als man in absehbarer Zeit zur Sättigung bedarf, daranhat niemand ein Interesse. Für die Aufhäufung von Schmuck- undPrunkstücken dagegen gibt es keine Schranken. Der menschliche Magenhat eine begrenzte Aufnahmefähigkeit, das Schmuckbedürfnis, die Eitel-keit und die Prunksucht dagegen kennen keine Sättigungsgrenze. Der-jenige, welcher Überfluß an aen notwendigsten Bedarfsgütern hatte, war
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