32 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
in bestimmten Gewichtsmengen staatlich beglaubigten Goldes, Silbersoder Kupfers, sondern in bestimmten Summen von Gold-, Silber- oderKupfermünzen abgeschlossen wurden. Vor der Erfindung der Münze,als das Geld als solches noch kein konkreter Gegenstand, sondernnur eine Funktion war, die nebenbei von gewissen Gebrauchsgüternerfüllt wurde, konnte es den Begriff der Geldsumme noch nicht geben;was wir heute Geldsumme nennen, deckte sich damals vollständig mitder Bezeichnung der Anzahl oder Gewichtsmenge der als Tauschmittelverwendeten Gebrauchsgüter. Um Geldsummen zu messen und aus-zudrücken, brauchte man keine andern Vorstellungen und Maßeinheitenals die, welche zur Bestimmung und Bezeichnung der Quantität beiden gewöhnlichen Gütern notwendig waren. Solange in der Haupt-sache das Vieh als Geld fungierte, war die Geldsumme identisch mit einerbestimmten Anzahl von Rindern, Schafen usw.; solange ungeprägtesMetall als Tauschmittel verwendet wurde, war die Geldsumme identischmit einer bestimmten Gewichtsmenge Metall. Mit der Münze entstandjedoch ein spezieller Maßstab für Geldmengen, ein Maßstab, dessenKechnungseinheit die Münze selbst war; und dadurch, daß alle Gütermehr und mehr ausschließlich gegen das geprägte Geld ausgetauschtwurden, fanden alle Werte ihren Gegenwert und mithin ihren Wert-ausdruck in Geldsummen. Die Münze als Rechnungseinheit für Geld-summen wurde damit zur Maßeinheit für alle Verkehrswerte über-haupt. So ist es bis zum heutigen Tage geblieben; wir drücken nochheute die Geldsummen und im Anschlüsse daran alle Werte und Preiseaus in Münzeinheiten, wie Mark, Frank, Dollar, Pfund Sterling,Gulden usw., ebenso wie sie in der ersten Zeit nach der Erfindungder Münze die kleinasiatischen Griechen in Stateren. die Perser inDareiken berechneten; nicht aber bezeichnen wir Geldsummen instaatlich beglaubigten, d. h. in gemünzten Pfunden Goldes oder Silbers.
In dieser Beziehung bedeutet die Münze die TJnabhängigkeitser-klärung des Geldes vom Geldstoff, dem Edelmetalle, und damit vonallen Gebrauchsgiitern überhaupt. Das Geld erscheint als eine selb-ständige wirtschaftliche Güterkategorie mit eigner Quantitätsbe-stimmung. Solange freilich de facto die Münze in Übereinstimmungblieb mit ihrem ursprünglichen Edelmetallgehalte, war diese ent-scheidende Lostrennung nur latent, nur potentiell vorhanden; sie mußtejedoch sofort effektiv und aktuell werden, wenn sich der Metallgehalt derMünzen aus irgendwelchen Gründen veränderte. Wir sehen uns damitvor allem auf das Verhalten des Staates gegenüber dem Gelde hingewiesen,denn der Staat hat sich sehr bald der Prägetätigkeit bemächtigt, undVeränderungen des Feingehalts der Münzen mußten deshalb haupt-sächlich, wenn auch nicht ausschließlich, von dieser Instanz ihren Aus-gang nehmen.