38 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
soweit vollkommen verwirklichen, als die von ihm hergestellten Münzendas alleinige Geld waren. Nur dadurch, daß die Staatsgewalt be-stimmte, die von ihr geprägten Münzen sollten das alleinige Geld sein,konnte sie ihr Geld zu einer selbständigen Größe machen und alleGeldsubstanzen — in Frage kamen praktisch nur die Metalle — zuihrem Willen unterworfenen Substraten herabdrücken. Durchaus zu-treffend bemerkt deshalb Simsiel zu der oben erwähnten römischenRechtsnorm, welche die Annahme der Kupfermünzen nach ihrem Nenn-werte und ohne Rücksicht auf ihren Metallgehalt vorschrieb, daß dieseNorm sogleich die Zusatzbestimmung erforderte: Geld sei überhauptnur eben diese Münze, alles daneben bestehende konventionelle Geldsei bloße Ware; nur bei Forderungen auf jene kann man mit derstrengen Geldschuldklage vorgehen, alle sonstigen Geldschulden sind,wie Warenschulden, nur auf den wirklichen, also durch ihr Nominal alsGeld nicht beeinflußten Wert einzuklagen. Dieses Bestimmungsrechtdes Staates darüber, was überhaupt Geld sein soll, ist in der Folgezeitfestgehalten und weiter ausgebildet worden in enger Wechselwirkungmit dem Verfügungsrechte des Staates über das Substrat seines Geldes.
Allerdings sind diese Zusammenhänge nur selten klar erkanntworden, und der alte theoretische Streit, der bis auf Aristoteles zurück-geht, ob das Geld, auf das Gesetz oder auf die Natur zurückzuführensei, ob sein Wert auf seinem inneren Metallgehalt oder auf der staat-lichen Prägung beruhe usw., — alle diese Fragen wären durch einezutreffende Vorstellung von dem Entwicklungsgange des Geldes wesent-lich vereinfacht worden. Es ist hier nicht der Platz, auf diese ver-schiedenen Theorien -einzugehen; sie werden an anderer Stelle ihreBehandlung erfahren. Hervorgehoben werden muß hier nur, daß dieAnschauung von dem Verfüguugsrecht der öffentlichen Gewalt überden Metallgehalt ihrer Münzen und damit über das Substrat ihresGeldes in der Praxis von jeher geherrscht hat. Diese Anschauung hatsich historisch feststellbar zum erstenmal in absoluter Deutlichkeit ge-offenbart in der bekannten Seisachthie, welche Solon im Jahre 594vor Christus in Athen durchführte. Um die beabsichtigte Erleichterung-aller Schulden um ein Viertel durchzuführen, schlug Solon nicht etwaden Weg ein, den Nominalbetrag der Schulden um ein Viertel herab-zusetzen, sondern er verringerte den Metallgehalt der athenischenMünzen um ein Viertel und schrieb vor, daß alle Gläubiger sich dieZahlung in den neuen, leichteren Münzen zu ihrem Nennwerte gefallenlassen müßten. Das athenische Geld existierte fort als rechtlichidentische Größe, aber mit einem anderen Substrat, das durch einegeringere Menge Edelmetall dargestellt wurde.
Alle die zahlreichen Münz Verschlechterungen, von denen keinStaatswesen verschont geblieben ist, sind praktische Äußerungen der-