54 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
der Groschen mehr oder weniger begrenzten; auch hinsichtlich desUmfangs der Prägung von kleinem Gelde wurde in einzelnen Periodennach vernünftigen Prinzipien verfahren. Es fehlte aber an der konse-quenten Durchbildung und Innehaltung der in der praktischen Er-fahrung gewonnenen Grundsätze, und in Deutschland speziell fehlte esan den politischen Vorbedingungen für eine richtige und konsequenteScheidemünzpolitik. Kein Territorium kann sich in der Ausgabe unter-wertigen Kleingeldes eine wirksame Beschränkung auferlegen, wennes vom Nachbarterritorium jederzeit mit schlechtem Gelde überschwemmtwerden kann; ein ausschließlich eigener Münzumlauf aber ist nur mög-lich bei einer bestimmten Größe und Geschlossenheit des Staatsgebietes.
Von nicht geringerer Wichtigkeit, wie die Frage der Eingliederungdes kleinen Geldes in ein Münzsystem, war das Problem der Aufrecht-haltung der Vollwichtigkeit des umlaufenden Geldes. Die Prägetechnikspielt auch hier eine Rolle, indem ihre Entwicklung das betrügerischeBefeilen und Beschneiden der Münzstücke immer mehr erschwerte. Inden ersten Jahrhunderten des Mittelalters, als die Prägetechnik eineganz unvollkommene und damit die Gefahr der raschen Verschlechte-rung des umlaufenden Geldes eine ganz besonders starke war, halfman sich in radikaler Weise durch periodische N ünzverrufungen undUmprägungen; das ganze zirkulierende Geld wurde außer Kurs gesetztund mußte dem Münzherrn zur Umpragung eingeliefert werden unter Be-dingungen, die diesem gestatteten, nicht nur auf seine Kosten zu kommen,sondern noch einen Münzgewinn zu machen. Solange in Deutschland die jährlichen Münzverrufungen in Übung waren (bis ins 12. Jahr-hundert), hielt sich tatsächlich der Denar auf dem gleichen Silber-gehalte. Als diese Verrufungen, die eine schwere Belastung und Be-lästigung des Geldverkehrs bedeuteten, außer Gebrauch kamen, beganndie Perjode der fortgesetzten Verschlechterung des Geldumlaufs.
Aus der Unvermeidlichkeit der Abnutzung des umlaufenden Geldeshat noch I. G. Hoitmann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr-hunderts den Schluß gezogen, daß jeder Münzfuß im Laufe der Zeitsich verschlechtern müsse. Da der Wert des geprägten Geldes sichim ganzen nach dem Durchschnitte des effektiven Metallgehaltes richteund da dieser durchschnittliche Metallgehalt durch die Abnutzung deszirkulierenden Geldes immer geringer werden müsse, könne der Staatselbst seine vollwertigen Prägungen gar nicht mehr aufrecht erhalten,der Edelmetallpreis müsse entsprechend der Abnutzung des umlaufen-den Geldes soweit steigen, daß die Prägung vollwichtiger Stücke nurnoch unter Verlust möglich sei; und außerdem würde ein solchesOpfer vergeblich gebracht werden, denn der überdurchschnittliche Fein-gehalt der neuen vollwichtigen Stücke mache deren Einschmelzung zueinem lohnenden Geschäfte für die Edelmetallhändler. Infolgedessen