56 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
Dagegen konnten durch die geschilderten Fortschritte der Münz-politik die Schwankungen zwischen Gold- und Silbermiinzen, soweitdiese auf den Veränderungen des Wertverhältnisses zwischen den Me-tallen Gold und Silber beruhten, nicht beseitigt werden. Für die Be-dürfnisse des Verkehrs erschien es jedoch wünschenswert, auch Gold-und Silbermünzen zu einem einheitlichen Systeme zusammenzufassen.Das konnte natürlich nur gelingen, wenn man entweder das Wert-verhältnis zwischen den Metallen Gold und Silber festzulegen ver-mochte, wenn es gelang, durchzusetzen, daß ein Pfund Gold immerund unveränderlich soviel wert sei wie eine ganz bestimmte Anzahvon Pfunden Silber, oder aber wenn es gelang, den Wert der Münzenmindestens des einen Metalls von ihrem Metallgehalte, der bisher aufdie Dauer für den Wert der Münzen ausschlaggebend gewesen war.unabhängig zu machen und ihn mit dem Werte der Münzeu des andernMetalis in eine feste Verbindung- zu bringen; wenn es beispielsweisegelang, das Gold allein zur Wertgrundlage, aller Münzen des Systems,auch der Silbermünzen, zu machen. Nur diese beiden Wege, die Be-seitigung der Wertschwankungen zwischen Gold und Silber oder dieLoslösung des Wertes der Münzen des einen Metalls von ihrem gesetz-lichen und tatsächlichen Metallgehalte und seine Verbindung mit demWerte der Münzen des andern Metalls, konnten zum Ziele führenDie Beseitigung der Wertschwankungen zwischen Gold und Silber istbis zum heutigen Tage — wie hier vorgreifend bemerkt werden darf —nicht gelungen. Das Problem der Loslösung der Münzen des einenMetalls vom Werte ihres Metallgehaltes und ihre Verbindung mit denMünzen des andern Metalls ist erst in der modernen Goldwährungvollkommen gelöst worden. 1 )
1) Wenn in den obigen Ausführungen der Metallgehalt gewissermaßen als dienatürliche Grundlage des Wertes des gemünzten Geldes angenommen ist, so ist des-halb der Verfasser nicht etwa „Metallist " im KNAprschen Sinn, d. h. er steht, wiedie folgenden, gegenüber der ersten Auflage nahezu unveränderten Ausführungen inden §§ 7—9 dieses Kapitels zeigen, keineswegs auf dem Standpunkt, daß die Geld-einheit durch den Metallgehalt der sie darstellenden Münze .real definiert" sei, imSinne der 'Gleichsetzung der Mark mit jg- Pfund Feingold (KNArr, S. 7 und S. 59);er verkennt nicht und hat niemals verkannt — was übrigens wohl ausnahmslos vonder gesamten Geldliteratur der letzten zwei Jahrzehnte gilt —, daß in der heutigenGeidverfassuug Geld ohne stofflichen Wert oder mit einem Metallgehalte, dcasen Wertgeringer ist, als der Goltung des Geldstückes entspricht, tatsächlich existiert, alsoauch möglich ist, daß mithin der Metallgehalt für den Begriff Geld kein wesent-liches Merkmal ist. Die obige Darstellung ist rein historischer Natur; sie konstatiertdie Tatsache, daß bis zu einer noch nicht lange zurückliegenden Zeit der tatsächlicheMetallgehalt der Münzen auf die Dauer entscheidend für ihre gagenseitige Bewertungund ihre Bewertung gegenüber den Edelmetallen war, obwohl das Geld — um mitKwArr zu reden — als „morphisch-proklamatorisches Zahlungsmittel"'sich im An-schluß an die Münzprägung bereits seit vielen Jahrhunderten als selbständige wirt-