70 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
an Geldstücken von geringerem Werte, die in Gold nicht dargestelltwerden können, erfordert.
Das System erscheint etwas künstlich und kompliziert^ und es hatin der Tat eine starke und aufgeklärte Staatsgewalt und eine weitvorgeschrittene Gesetzgebung zur Voraussetzung. Eine Anzahl derSchriftsteller, die später die Goldwährung bekämpft haben und für dieDoppelwährung eingetreten sind, haben daraus die Behauptung her-geleitet, das ganze System der Goldwährung sei am grünen Tischekünstlich ausgedacht worden, die Goldwährung sei nichts als dasProdukt eines theoretischen Doktrinarismus, und sie sei ver-mittelst eines gänzlich ungerechtfertigten Willküraktes an die Stelleder wohlbewährten Doppelwährung oder Silberwährung gesetzt,worden.
In Wirklichkeit hat es sich gerade umgekehrt verhalten. Dieenglische Doppelwährung hatte von selbst zu einem Zustande geführt,welcher in tatsächlicher Beziehung der Goldwährung entsprach: zueinem fast ausschließlichen Goldumlaufe mit einem den Bedürfnissendes Verkehrs knapp genügenden, durch Abnutzung unterwertig ge-wordenen Silberumlaufe; erst aus diesem tatsächlichen Zustande istdie Goldwährungstheorie hervorgegangen.
Wenn man die geschilderte Entwicklung in ihrer Gesamtheit über-blickt, so ergibt sich:
Die Goldwährung entstand aus dem Streben nach einem einheit-lichen Geldsystem, innerhalb dessen beide Edelmetalle in einer ihrenbesonderen Eigenschaften entsprechenden Weise gleichzeitig im Umlaufsind; und zwar entstand die Goldwährung aus diesem Bestreben, nach-dem die Erreichung des Zieles auf dem Wege der Doppelwährung sichauf Grund der Erfahrungen von Jahrhunderten als unmöglich heraus-gestellt hatte. Alle Versuche, auf dem Wege der bloßen Tarifierungvon Gold- und Silbermünzen die Schwankungen im Wertverhältnisder Bohmetalle Gold und Silber zu bewältigen, waren immer und immerwieder vergeblich gewesen, und deshalb war es nicht gelungen, aufdiesem Wege Gold- und Silbermünzen zu einem geschlossenen Systeme "zuvereinigen. Diese vergeblichen Versuche haben schließlich mit elemen-tarer Notwendigkeit dazu gedrängt, das Geldwesen auf dem den Bedürf-nissen des Geldverkehrs einer entwickelten Volkswirtschaft besserentsprechenden Golde allein aufzubauen, die Silbermünzen von ihremMetallwerte bewußt unabhängig zu machen und sie in das einheitlicheSystem als ein Geld zweiter Ordnung, als ein Hilfsgeld und als bloßeScheidemünze einzufügen. 1 )
1) Gegenüber dieser geradezu zwingenden Logik der Bedürfnisse und Tat-sachen, aus der die Goldwährung entstanden ist, läßt sich die Knapp sehe Auffas-sung, England sei gewissermaßen durch einen Zufall zur Goldwährung gekommen