104 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.
Das Überwiegen der bergmännischen Goldgewinnung in der neuestenZeit hat die hauptsächlich von dem Wiener Geologen Eduard Suess mit Nachdruck vertretene und vielfach gläubig aufgenommene Ansichtwiderlegt, daß der Goldbergbau aus geologischen Gründen keine Zu-kunft haben könne, und daß deshalb mit der Erschöpfung der Schwemm-lande ein unaufhaltsamer Eückgang der Goldproduktion einsetzenmüsse. 1 ) Suess ging davon aus, daß der weitaus größte Teil der Gold-gewinnung — er berechnete diesen Teil auf nicht weniger als neunZehntel — aus Alluviallagern stamme, die einen ungewöhnlich großen,aber rasch erschöpf baren Goldreichtum enthalten. Je weiter unsereKenntnis der Erdoberfläche fortschreite, um so geringer werde dieWahrscheinlichkeit der Entdeckung neuer und reichhaltiger Wasch-goldlager. Der Bergbau auf Gold werde für diesen Ausfall wegendes unzuverlässigen und spärlichen Goldvorkommens in hartem Gesteinkeinen Ersatz bieten können; daher müsse mit Notwendigkeit einallmähliches Versiegen der Goldgewinnung eintreten.
Wenn jemals eine Theorie schlagend durch die Tatsachen wider-legt worden ist, dann ist der SuESSSchen Theorie eine solche Wider-legung zu teil geworden. Die bekannten Schwemmlande sind nahezugänzlich erschöpft, und die Goldgewinnung ist beträchtlich höher alsjemals zuvor. Die Fortschritte der Technik haben ein angeblichesNaturgesetz überwunden. Mit Recht schrieb Lexis schon vor einemJahrzehnt über diese wichtige Frage 2 ):
„Wenn früher nach Suess neun Zehntel alles Goldes aus denWäschereien stammte, so werden gegenwärtig vier Fünftel des außer-halb Sibiriens gewonnenen Goldes durch Quarzbergbau geliefert, undda man jetzt im stände ist, Quarz mit Vorteil zu verarbeiten, das nurV4 Unze Gold auf die Tonne enthält, und da auch das in Schwefelkiesenenthaltene, dem gewöhnlichen Amalgamationsverfahren nicht erreich-bare Gold durch neue Methoden immer vollständiger extrahiert wird,so ist eine bedeutende und nachhaltige Goldproduktion noch auf vieleJahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte gesichert... . Die gegenwärtigeZunahme der Produktion kann natürlich nicht lange fortdauern, auchwird die Entdeckung neuer reicher Fundstätten in der Zukunft immerseltener werden, während sich die alten allmählich erschöpfen müssen.Aber eine wirkliche Goldknappheit liegt in so weiter Ferne, daß siefür die wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart ebensowenig in Betrachtkommt, wie etwa die Erschöpfung der Kohlenlager der Erde." •—
Hinsichtlich weiterer Einzelheiten über die Goldgewinnung sei aufdie einschlägigen Arbeiten von Soetbeer, Lexis und zahlreiche Mono-
1) Siehe Eduard Suess , Die Zukunft des Goldes. 1877.
2) Art. Gold und Goldwährung im Handwörterbuch der Staatswissenschaften,2. Aufl. Bd. IV. S.756.