144 Erstes Kapitel. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.
entfernt, Maßregeln gegen das Goldgeld zu verlangen, das die nationaleGeldverfassung bedrohte, verlangte und erreichte die öffentliche Meinungüberall seine gesetzliche Zulassung. Auch in Deutschland nahm derUmlauf ausländischer Goldmünzen, namentlich französischer Zwanzig-frankenstücke, in jener Zeit stark überhand, unbeschadet der im WienerMünz vertrag von 1857 feierlich proklamierten Silber Währung.
Diese Gegenwirkungen gegen die starke Vermehrung der Gold-gewinnung wurden in der ersten Zeit nach den kalifornischen Gold-funden vielfach übersehen. Obwohl der Verkehr überall das neue Goldbereitwillig aufnahm, fehlte es nicht an Leuten, die diese Um-wälzung mit großen Bedenken ansahen. Der französische National-ökonom Michaem Chevalier prophezeite eine beträchtliche' Entwer-tung des Golde sals unausbleibliche Folge der Goldfunde und riet, dasin seinem Werte bedrohte Metall als Geldstoff abzuschaffen und zurreinen Silberwährung überzugehen. Ähnliche Stimmen ließen sich selbstin England vernehmen. Nur wenige erkannten bereits damals, daßdie vermehrte Goldgewinnung zu einer stärkeren Verwendung desGoldes als des tauglicheren und dem modernen Verkehr besser ent-sprechenden Geldstoffes führen und dadurch von selbst jeder starkenEntwertung entgegenwirken werde. Der erste, welcher diese Ansichtvertrat, bereits in den fünfziger Jahren, war der Deutsche AdolfSoetbeer .
Der Gang der Dinge hat Soetbeers Auffassung bestätigt. Niemanddachte im Ernst.daran, dem eindringenden Golde in ähnlicher Weisedie Tür zu schließen, wie England am Ende des 18 Jahrhunderts demSilber. Allgemein wurde der Goldumlauf gegenüber dem schweren undunbequemen Silbergeide als eine Wohltat empfunden, und in dieserTatsache, nicht in dem formalen Mechanismus der französischen Doppelwährung, ist der tiefere Grund dafür zu erblicken, daß derWert von Gold und Silber unter dem Einflüsse der veränderten Pro-duktionsverhältnisse nicht weiter auseinanderging.
Im Verhältnis zu den übrigen Gütern hat allerdings das Gold in-folge der gewaltigen Produktionssteigerung eine gewisse Entwertungerfahren, die sich bis zum Jahre 1873 erstreckte. Die meisten Waren-preise haben in jener Zeit, trotz der Vebesserung und Verbilligungder Produktion und des Transports durch technische Fortschritte, einewesentliche Steigerung aufgewiesen. Nach der Statistik des Londoner „Economist " ist die Durchschnittszahl (index number) aus 22 wichtigenWarenpreisen von 1S45—f>0 bis 1873 von 100 auf 134 Prozent ge-stiegen. Aber infolge der Verknüpfung mit dem Schicksale des Goldeshat gleichzeitig auch das Silber ungefähr in dem gleichen Maße anKaufkraft verloren. Das zeigt sich darin, daß nicht nur die in London nach Goldgeld berechneten Warenpreise eine Steigerung erfuhren,