6. Kapitel. Die Ausbreitung der Goldwährung und die Silberentwertuug. § 4. 205
veranlaß te wieder ein weiteres Umsichgreifen der silberfeiiidlichenGesetzgebung.
Eine Betraclitung der geschichtlichen Vorgänge wird uns darüberbelehren, ob wirklich in der gesamten währungspolitischen Entwick-lung der letzten vier Jahrzehnte ein solcher fehlerhafter Zirkel vorliegt.
Wir haben die Währungsverhältnisse der Welt in der erstenHälfte des 19. Jahrhunderts in einer gewissen Stabilität gesehen; erstdie von den kalifornischen Goldfunden eingeleitete Umwälzung derProduktionsverhältnisse der Edelmetalle hat neues Leben in den Ent-wicklungsprozeß gebracht.
Das neugewonnene Gold wurde von den Ländern, die sich bishertiberwiegend des Silbers bedient hatten, bereitwillig als Geldstoff auf-genommen; denn die wirtschaftliche Entwicklung hatte den vermehrtenGehrauch von Goldgeld wünschenswert gemacht. Die vermehrte Pro-duktion fand mithin ihr Gegengewicht an einem starken Verkehrsbedarfeund an einer vermehrten monetären Verwendung. Daß die Ländermit Doppelwährung die Verdrängung ihres bisherigen Silberumlaufsdurch das neue Gold ruhig geschehen ließen, daß die Länder mitSilberwährung, vor allem Deutschland , sich einen Goldumlauf zu ver-schaffen wünschten, war die einfache Folge der unbestreitbaren Tat-sache, daß für den größeren Teil des modernen Verkehrs das Geldein tauglicherer Geldstoff ist als das Silber. Das vermehrte Angeboteines tauglicheren Verkehrsmittels hat nun die notwendige Wirkung,die Nachfrage nach dem weniger tauglichen zu vermindern, ja selbsteinen Teil der bisher verwendeten weniger tauglichen Verkehrsmittelfreizusetzen. Mit anderen Worten: die starke Vermehrung der Gold-produktion mußte das Bedürfnis des Verkehrs nach Silbergeld ein-schränken und damit die Tendenz zu einer Entwertung des Silbersschaffen. Wie wenig dieser Zusammenhang eine Konstruktion ex postist, wird dadurch bezeugt, daß diese Ansicht schon zu einer Zeit aus-gesprochen wurde, als die Umwälzungen in der Währungsgesetzgebungund die Silberentwertuug noch nicht eingetreten waren. Soetbeebschrieb in der Hamburger Börsenhalle vom 15. Juli 1869: „Wie paradoxes anfangs vielleicht lauten mag, es liegt doch eine gewisse Wahrheit darin,daß im großen und ganzen genommen und auf die Dauer die außer-ordentliche Steigerung der Goldproduktion mehr auf die Wertverringe-rung des Silbers als des eigenen Produkts ihre Wirkung äußern muß"
Und die Rolle der Münzgesetzgebung in diesen aus der allgemeinenwirtschaftlichen Entwicklung und den Produktionsverhältnissen derEdelmetalle resultierenden Vorgängen?
Die Münzgesetzgebung ist, wie bereits in einem früheren Abschnittegelegentlich der Sperrung der englischen SHberprägung im Jahre 1798ausgeführt wurde, lediglich das Instrument, durch welches in unserer