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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
245
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3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 2. 245

1. Nur selten werden sich zwei Leute treffen, von denen jeder imWege des Austausches gerade das Gut abgeben will, das der anderezu erwerben wünscht; z. B. ein Nagelschmied, der Brot braucht,einen Bäcker, der Nägel nötig hat.

2. Noch viel seltener wird das Gut, das der eine abzugeben hat,im Werte ungefähr dem Gute entsprechen, das er dafür von einemanderen erwerben möchte; wer z. B. Brot braucht und einen kostbarenStein abzugeben hat, kann, selbst wenn er einen Bäcker findet, der bereitist, den Edelstein gegen Brot zu erwerben, nicht soviel Brot brauchen,wie der Stein wert ist.

Diese Schwierigkeiten müssen um so größer werden, je mehr dieArbeitsteilung fortschreitet, je mehr sich die Tätigkeit der einzelnenwirtschaftenden Individuen und Gruppen spezialisiert, je zahlreicherund verschiedenartiger die Verkehrsgüter werden; richtiger ausgedrückt:ohne eine Beseitigung dieser dem Güteraustausche entgegenstehendenSchwierigkeiten wäre auf Grundlage des Privateigentums und derwirtschaftlichen Selbständigkeit der Individuen eine über die rohestenAnfänge hinausgehende Arbeitsteilung und eine ergiebigere Gestaltungder Produktion überhaupt nicht denkbar. Die Produktion konnte zuder Ergiebigkeit, zu der sie durch die arbeitsteilige Organisation unddurch die nur auf Grund einer arbeitsteiligen Organisation möglichentechnischen Fortschritte gekommen ist, nur gesteigert werden dadurch,daß sie von der Rücksicht auf den Konsumbedarf des produzierendenIndividuums befreit wurde, daß für sie immer mehr der Bedarf größererGesamtheiten in Betracht kam, der für eine rationelle Ausgestaltungdes Produktionsprozesses nach dessen eignen Gesetzen freien Spielraumließ. Die unmittelbarste Bindung der Produktion an den Konsum-bedarf ist gegeben im Zustande der isolierten, verkehrslosen Einzel-wirtschaft, wo jedes Individuum, jede kleine Gruppe nur für den eigenenVerbrauch produziert. Gegenüber diesem Zustande bedeutet bereits derprimitive und unmittelbare Tauschverkehr eine gewisse Befreiung derProduktion von den Fesseln des individuellen Bedarfs. Aber solangesich noch kein Tauschmittel in diesen Verkehr eingeschoben hatte,wurde die Richtung der produktiven Arbeit notwendig bestimmt,zwar nicht mehr ausschließlich durch die Rücksicht auf den eigenenBedarf, aber doch durch die Rücksicht auf den individuellen Bedarf. des eng begrenzten Kreises von Personen, auf die man zur Beschaffungder zur Befriedigung des eigenen Bedarfs dienenden Güter unmittelbarangewiesen war.

Erst das Geld als allgemeines Tauschmittel hat diese Bindungvollkommen gelöst; es hat durch die Zerlegung des einheitlichenTausches in einen Verkauf- und einen Kaufvorgang, durch diese schein-bare Komplikation, den wirtschaftlichen Verkehr zwischen den eiuzelnen