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Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
498
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498 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.

in den Ausweisen der großen Zentralbanken der europäischen Länder,bei welchen der Geldbedarf der Volkswirtschaft, soweit er den Umfangdes jeweilig in Zirkulation befindlichen Geldes überschreitet, in letzterLinie sich zu decken sucht, sei es durch Diskontierung von Wechseln,sei es durch Inanspruchnahme von Lombardkredit, sei es durch Ent-nahme aus Guthaben. An diesem Maßstabe gemessen, zeigen dieMonatsschlüsse und noch mehr die Quartalswechsel und die Jahres-wenden eine überdurchschnittliche Anspannung des Geldbedarfs. Aufdiese Termine drängen sich die Regulierungen von Rechnungen undZahlungsverpflichtungen jeder Art, sowohl aus dem kleinen als ausdem großen Verkehr, zusammen; Zinszahlungen und Dividendenaus-schüttungen, Miets- und Pachtzahlungen, Gehaltszahlungen erfolgenvorwiegend zu diesen Zeitpunkten, Wechsel werden vorwiegend aufsolche Zeitpunkte fällig gestellt, kurz ein sehr erheblicher Teil dergesamten während eines Jahres zu leistenden Zahlungen wird nachunseren Zahlungsgewohnheiten an den bezeichneten Terminen bewirkt.Es ist wiederholt vorgekommen, daß der Reichsbank in der letztenWoche eines Quartals oder eines Jahres mehr als 100 MillionenMark an Metallgeld entzogen worden sind, und daß sie gleichzeitigdem Verkehr den vierfachen Betrag durch eine Steigerung ihrerNotenausgabe zur Verfügung stellen mußte; in den ersten Wochendes neuen Quartals oder Jahres tritt dann mit dem Nachlassen desakuten Geldbedarfs regelmäßig ein Rückfluß dieser Mittel zu denKassen der Reichsbank ein.

Mit der Feststellung der Tatsache, daß die Jahreskurven desGeldbedarfs ihre Höhepunkte an den Monats- und Quartalswendenhaben, ist jedoch die Charakterisierung dieser Jahreskurven nochnicht erledigt. Es kommt die weitere Tatsache hinzu, daß das ganzeNiveau des Geldbedarfs innerhalb der einzelnen Jahreszeiten sich ineiner regelmäßig wiederkehrenden Weise ändert. Schon bei der Dar-stellung der konstituierenden Faktoren des Geldbedarfs wurde daraufhingewiesen, in welchem Maße die Verteilung der innerhalb einerVolkswirtschaft zu leistenden Zahlungen über das Jahr von denAbsatz- und Zahlungszeiten der wichtigeren Erwerbszweige abhängigist. Die Landwirtschaft hat ihre Geschäftszeit im Herbst nach derErnte; in dieser Zeit setzt sie ihre Produkte zum ganz überwiegendenTeile ab und beschafft sich dadurch die Mittel für die Fortführungihres Betriebs bis zur nächsten Ernte. Aber auch zahlreiche undwichtige Industriezweige haben im letzten Jahresviertel die lebhaftesteGeschäftstätigkeit. In unserem Klima steigert der Winter den Bedarfan einer Reihe von Dingen, namentlich an Kleidung und Heizung;nach der gleichen Richtung wirkt die Sitte der Weihnachtsgeschenke,durch welche die Umsätze der letzten Jahreswochen und. da die