12. Kapitel. Der Geldwert. § 9.
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dem Streite brutaler Interessen so viel wie möglich zu entziehen,sondern auch in Rücksicht auf den internationalen Verkehr. DieStörungen, welche sdie internationalen Handelsbeziehungen durchSchwankungen im gegenseitigen Wertverhältnisse der verschiedenenLänder erfahren, sind bereits ausführlich dargestellt worden. Wirhaben gesehen, daß diese Schwankungen praktisch nur dadurch be-seitigt werden können, daß die verschiedenen Länder den Wert ihresGeldes mit einem und demselben Geldstoffe in Verbindung setzen.Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, daß derweitaus größte Teil aller am Weltmarkte beteiligten Länder auf demBoden der Goldvaluta den gegenseitigen Wert ihres Geldes festgelegthat. Hätten diese Länder ein Papiergeld, dessen Wert unabhängigwäre von demjenigen eines konkreten Sachgutes und der durch staat-liche Maßnahmen reguliert werden würde, die ihrerseits von der Rück-sichtslosigkeit und der wechselnden Macht der widerstreitenden Inter-essen abhängig wären, — dann könnte ein einigermaßen stabiles Ver-hältnis zwischen dem Gelde dieser Staaten nicht bestehen, solangenicht die gesamte Papiergeldausgabe für sämtliche Staaten eine ein-heitliche wäre und von einer Zentralstelle aus geleitet würde. DieVoraussetzungen für ein solches Papiergeld wären keine geringerenals diejenigen für den ewigen Frieden.
Man mag es bedauern und kritisieren, daß bei der sich auf me-tallischer Grundlage aufbauenden Geldverfassung der Wert des Geldesdurch Gewalten beherrscht wird, die unserem Machtbereiche entzogensind und die denkbarerweise einmal große Vermögensverschiebungenund starke Erschütterungen der Volkswirtschaft hervorrufen können.Die bisherige Entwicklung des Geldwesens kann uns jedoch veran-lassen, uns auch hier — wie auf so vielen anderen Gebieten — mitder allen menschlichen Einrichtungen anhaftenden Unvollkommenheitzu bescheiden; denn die Geschichte der einzelnen Papierwährungendrängt uns zu dem für, die menschliche Unzulänglichkeit bezeichnen-den Schlüsse, daß die Geldversorgung der Volkswirtschaft und mithinauch der Geldwert meist gerade bei derjenigen Währungsverfassungam schlechtesten reguliert war, bei der die Regulierung am vollstän-digsten im Machtbereiche des menschlichen Willens liegt. Auch derstärkste Glaube an die intellektuelle und moralische Entwicklungs-fähigkeit des Menschengeschlechtes kann nicht darüber hinwegtäuschen,daß es noch lange dauern wird, bis die Mangelhaftigkeit der mensch-lichen Erkenntnis und die Macht der menschlichen Selbstsucht undLeidenschaft soweit überwunden sein werden, daß für das alle wirt-schaftlichen Beziehungen tragende und durchdringende Geld ohne Ge-fahr auf die Verankerung in dem festen Grunde eines allgemein an-erkannten Wertes verzichtet werden kann. Diese Berechtigung und