59Ü Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.
Aber die Unzulänglichkeit unserer Erkenntnis ist nicht das ein-zige Hindernis; mindestens ebenso schwer fällt ins Gewicht derMangel einer jeden Sicherheit dafür, daß bei einer reinen Papier-währung die Regulierung der Geldausgabe lediglich nach den Erfor-dernissen der Gerechtigkeit und nach dem allgemeinen Interesse derVolkswirtschaft gehandhabt werden würde. In der Hand des Staatesselbst ist die unbeschränkte Möglichkeit, aus nichts Geld zu machen,zu verlockend, als daß ein jeder Mißbrauch zu fiskalischen Zweckenausgeschlossen sein sollte. Dazu kommt, daß gerade in unserer Zeitder rücksichtslosen Verfechtung wirtschaftlicher Sondervorteile umdie Regulierung des Geldwertes ein Interessenkampf entstehen würde,der bei dei dem Mangel eines objektiven Kriteriums von vornhereinnicht durch Vernunft und Gerechtigkeit, sondern nur durch brutaleMacht entschieden werden könnte. Auf der einen Seite würden alle,die Geld schulden, für eine möglichst starke Geldausgabe und diemöglichste Verringerung des Geldwertes kämpfen, auf der anderenSeite würden alle Gläubiger und alle diejenigen, welche feste Gehälter,Renten und Löhne empfangen, an einer Hochhaltung und Steigerungdes Geldwertes interessiert sein. Der Kampf um den Geldwert müßtemehr als jeder andere wirtschaftliche Interessenkonflikt zur Demo-ralisation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens führen.Solche zerstörenden Kämpfe können vermieden werden — freilichnicht ganz, sonst hätte es ja niemals eine „Währungsfrage" gegeben—, wenn der Geldwert in Abhängigkeit von einem der Edelmetallegesetzt wird, dessen Wertbildung außerhalb des Einflusses der wirt-schaftlichen Parteien steht, und dessen besondere Eigenschaften einegrößere Sicherheit für eine annähernde Stabilität seines Wertes bilden,als sie bei einem anderen Gute bisher wahrscheinlich gemacht worden ist.
Die Verbindung des Geldwertes mit einem der Edelmetalle istjedoch nicht nur notwendig, um dem Staate die unerfüllbare Aufgabeeiner Regulierung des Geldwertes zu ersparen und um diese Regulierung
und der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt habe, Geldzeichen verlangen könne.Er verweist für die Durchführbarkeit seiner Idee auf die Reichsbank, die im Wegeder Diskontierung von Warenwechseln in ihren Noten heute schon die Geld-schöpfungspflicht erfülle. — Aber die Reichsbank reagiert durch Erhöhung ihresDiskontsatzes auf die Steigerung der an sie herantretenden Geldansprüche und wirktdadurch indirekt auf das Preisniveau ein; dadurch reguliert sie nicht nur dasGleichgewicht zwischen Geldbedarf und Geldversorgung, sondern auch — wie obendargestellt wurde — das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsum. Das„Rocht auf Kredit" und die von jeder Rücksicht auf die metallische Notendeckungbefreite „Geldschöpfungspflichf sind, konsequent durchgedacht, unvereinbar mit einerHandhabung der Diskontpolitik, die gegebenenfalls einschränkend auf den Geldbe-gehr einwirkt. Die Wirkungen, welche ein Verzicht auf eine solche Einwirkunghaben müßte, sind oben angedeutet.