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Nachlass / Maximilian Kronberger
Entstehung
Seite
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den ich nach Hause begleitete. Et sprach über die antiken Vers-maße und war der Ansicht, daß diese Maße auf lange, langeZeit hinaus für die deutsche Sprache ausgeschöpft seien. Inder klassischen Zeit seien sie zu höchster Höhe gelangt, aberein moderner Mensch könne nie in Hexametern ausdrückenwas er fühle.

Mittwoch den 23. XII. ging ich abends kurze Zeit zu George.Er sprach von Musik und daß die Fähigkeit zur Musik ganzwo anders liegen müsse als bei Dichtung und Malerei. In Jah-ren, in denen das Verständnis des Wiedergebens noch unbe-dingt nicht dasein könne, da zeige sich bei der Musik schondie Veranlagung. Er habe einmal eine Geschichte gehört, dieihm dies etwas klarer machte: Ein Knabe von 13 Jahren multi-plizierte mit unheimlicher Schnelligkeit drei-, vier- und fünf-ziifrige Zahlen. Als dieser Knabe aber in Mathematik ausgebil-det wurde, war er einer der schlechtesten Schüler. Es müssenalso beim bloßen Anhören der Zahlen gewisse Vorstellungenin ihm geweckt worden sein, die aber absolut nicht «Verständ-nis» seien. Ähnlich denke er sich das bei Musik. Wie man Dich-tung mit Malerei, Malerei mit Skulptur zusammenbringenkann, so vereinzelt steht die Musik da. Das oben Gesagte be-zieht sich aber nur auf reproduktive Geister, Schöpfer dage-gen arbeiten vollständig verstandesmäßig. Auch seien Musikermeist sehr einseitig, während die Dichter meist Interesse fürMalerei etc. zeigen. Als Gegenbeispiel führt er Melchior Lech-ter an, der sehr eingenommen für Musik ist und in dem ge-wisse Tonstücke bestimmte Farben wecken. Er sei auch dich-terisch veranlagt.

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