I WIE DIE EHEFRAU GEARTET SEIN SOLL
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ERSTER TEIL:
VON DER WAHL DER EHEFRAU
I WIE DIE EHEFRAU GEARTET SEIN SOLL
DIE ALTEN, DEREN ANSEHEN DURCH IHR GROSSES WISSENund ihre reiche Lebenserfahrung noch fortlebt, entschieden, daß man beider Gattin auf Sitten, Alter, Herkunft, Gestalt und Besitz sehen müsse;vernachlässigen wir dies, so bringen wir der Sippe Unehre und unsselbst immer Ungemach, oft Kummer; wenn wir es aber gewissenhaftbeherzigen, so sorgen wir für den Ruhm des Hauses, für unsre Würdeund für dauernde Fröhlichkeit.
Auf die Tugend also ist vor allem zu achten. Sie hat solche Macht undsolche Würde, daß, wenn das übrige fehlt, dennoch die Heirat will-kommen sein mag, wenn es aber vorhanden ist, sie gewiß hocherfreulichwird. Das Hauswesen nämlich, an dessen Spitze die Frau gestellt wird,kann nicht gut imstande bleiben, wenn es nicht durch Klugheit, Sorgfaltund Fleiß der leitenden Frau eingerichtet, gelenkt und geordnet wird.Den Sitten der Könige folgen leicht die Bürger, denen der Feldherren dieSoldaten, denen der Eltern die Kinder, denen der Hausfrau die Mägde.Ein zuverlässiger Zeuge ist uns Homer , bei dem die Zofen der sittsamenAndromache so wohlerzogen erscheinen, daß sie an Sittsamkeit, Reg-samkeit und Fleiß weit über den Dienerinnen der Helena stehen und sichauszeichnen 36 . Die Frau also, von der wir jetzt reden, wird ihre Mägdeleicht in Zucht halten, wenn sie sich selbst in Zucht hält.Doch möchte ich an dieser Stelle auch denen nicht beipflichten, die nurdas Höchste bei der Brautwahl suchen und mit großem Eifer begehren,was kaum in vielen Jahrhunderten gefunden ward. Viel haben wir ge-lesen, viel gehört, stets sehen wir, daß diejenigen des Lobes wert ge-achtet werden, die, wenn auch unterlegen, doch durch Erstreben ihrerTugend den Höchstgepriesenen nachfolgen wollten. Bei den olym-pischen Spielen, so wird überliefert, wurde Philammon mit dem Adeldes Kranzes beschenkt, nicht weil er den Glaukus, den berühmtesten