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Die finanzielle Seite des russisch-japanischen Krieges
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Die finanzielle Seite des rnssisch-japanischen Kriege?,.

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450 bis 500 Millionen Franken für das Jahr veranschlagt. Hauptsächlich für denDienst seiner im Ausland untergebrachten Anleihen hält das russische Finanzministeriumin London, Paris und Berlin ständige Guthaben, deren Höhe natürlich beträchtlichenSchwankungen unterworfen ist; sie sollen sich in den ersten Monaten dieses Jahres aufetwa 500 Millionen Franken belaufen haben.

Zu der starken Verschuldung des russischen Staates an das Ausland kommthinzu, daß ein großer Teil der neu geschaffenen russischen Industrie durch ausländischesKapital ins Leben gerufen ist oder wenigstens teilweise mit ausländischem Kapitalarbeitet. Die Aktien und Obligationen von zahlreichen Unternehmungen, insbesondereauf dem Gebiet des Bergbaus und der Metallverarbeitung sowie von Straßenbahn-gesellschaften usw. sind im Besitz des Auslandes, namentlich Frankreichs, Deutschlands undBelgiens , und die auf diese Werte zu zahlenden Dividenden und Zinsen bilden neben denZinsen der Staatsschuld eine weitere erhebliche Belastung der russischen Zahlungsbilanz.

An sich kann jedoch ein Momentbild des russischen Budgets und der russischen Staatsschuld eine Beurteilung der russischen Finanzkraft kaum ermöglichen; dieses Bildbedarf vielmehr zu seiner Ergänzung eines Überblicks über die Entwicklung der russi-schen Finanzen während der letzten Jahrzehnte.

Die Größe der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von Rußland auf wirtschaft-lichem, militärischem und weltpolitischem Gebiet zu bewältigenden Aufgaben, insbesonderedie Befreiung und Ablösung der Bauern, der Ausbau eines gewaltigen Eisenbahnnetzesund die beträchtlichen Kosten zuerst des Krimkriegs, dann des russisch -türkischen Kriegs,haben an die russischen Staatssinanzen enorme Ansprüche gestellt, denen diese aus ver-schiedenen Gründen fürs erste nicht gewachsen waren. Zunächst fehlte in der russischen Wirtschaftsverfassung, solange die bäuerliche Naturalwirtschaft unbedingt vorherrschte,die Voraussetzung für die Aufbringung der großen vom Staate benötigten Summen;dann mußte die russische Finanzwirtschaft selbst erst auf eine rationelle, den neuenBedürfnissen angepaßte Grundlage gestellt werden. Solange diese Voraussetzungen füreine geordnete Finanzwirtschaft fehlten, hat der russische Staatshaushalt Jahrzehntehindurch mit großen Defiziten gearbeitet, und wo die Einnahmen zur Deckung der Aus-gaben nicht ausreichten, wurde auf die Aufnahme von Anleihen und die Ausgabe vonPapiergeld, das einer starken Entwertung unterlag, zurückgegriffen. Die entscheidendeReform, deren Ziel die Konsolidierung der Staatsschuld und die Wiederherstellung desStaatskrcdits sowie die Ersetzung der schwankenden Papierwährung durch eine stabilennd solid begründete Goldwährung war, ist zu Beginn der 80er Jahre des vorigenJahrhunderts durch den Finanzminister Bunge eingeleitet worden und hat vom Jahre1888 an ihre Wirknngen gezeigt. Durch die Finanzreform Bunges, die zum Teilbereits durch die im Jahre 1875 eingeführte allgemeine Grundsteuer vorbereitet war,wurde die wirtschaftlich schädliche und in der finanziellen Ergiebigkeit nicht steigerungs-fähige Belastung der untersten Klassen durch Kopfsteuer und Salzsteuer beseitigt unddie Ablösungszahlungen der Bauern für das ihnen überlassene Land ermäßigt; dafürwurde die indirekte Besteuerung der entbehrlicheren Verbrauchsgegenstände, vor allemdes Branntweins , dann des Tabaks, Zuckers, Mineralöls und der Zündhölzer, beträcht-lich ergiebiger gestaltet, ebenso der Ertrag der Eingangszölle; die Besteuerung der