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Die erheblichen Überschüsse, die der russische Staatshaushalt seit dem Jahre1388 abwarf, haben Rußland in den Stand gesetzt, in den letzten l'/s Jahrzehntendie gewaltigen Lasten seiner expansiven asiatischen Politik zu tragen; gleichzeitig dientensie — in Verbindung mit anderen günstigen Verhältnissen — direkt und indirekt derOrdnung und Konsolidierung der Staatsschuld sowie der Ersetzung der Papierwahrungdurch eine Goldwährung.")
Soweit die Überschüsse zur Deckung außerordentlicher Ausgaben verwendetwurden, halfen sie die Aufnahme neuer Anleihen zu beschränken und den bereits vor-handenen Schulden ein Aktivvermögen gegenüber zu setzen. Daneben aber stellte diegünstige Gestaltung der russischen Finanzwirtschaft den schwer erschütterten Kredit Ruß-lands auf den westeuropäischen Geldmärkten wieder her und gestattete daher Rußland ,für die Erleichterung der ihm aus seiner Schuld erwachsenden finanziellen Belastungaus der in der zweiten Hälfte der 80er und der ersten Hälfte der 90er Jahre ein-getretenen starken Senkung des Zinsfußes erheblichen Nutzen zu ziehen. Dazu kam diepolitische Annäherung an Frankreich, die der russischen Finanzverwaltung den gutenWillen des französischen Kapitals in einem nie geahnten Umfang zur Verfügung stellte.
Die Wirkung dieser Verhältnisse zeigte sich in einer erheblichen Besserung desKursstandes der russischen Staatspapiere. Die 4prozentigen russischen Goldanleihenbewegten sich noch im Jahre 1880 auf einem Kursstand von ungefähr 75; Ende 1895standen sie auf 97^8, und vom Ende des Jahres 1897 haben sie sich meist auf oderüber der Parität gehalten; ja im Jahre 1899 erreichte der Stand der russischen3^/sprozentigen und Zprozentigen Goldanleihen bis auf die Bruchteile eines Prozentesden Kurs der mit der gleichen Verzinsung ausgestatteten deutschen Reichsanleihen.Ende Juli 1899 stand die 3'/2prozentige deutsche Reichsanleihe in Berlin auf 100,10,die 3>/2prozentige russische Goldanleihe auf 99,80, die Zprozentige deutsche Reichs-anleihe auf 90, die Zprozentige russische Anleihe auf 89,70."")
Die günstige Gestaltung der Dinge wurde von Rußland benutzt, um durcheine Reihe umfangreicher Konversionen die seinem Budget aus der vorhandenen Schulderwachsende Belastung erheblich zu vermindern. Allein in den Jahren 1889 bis 189Awurde ein Nominalkapital von 1667 Millionen Rubel (Kredit) konvertiert, und zwarvorwiegend Goldanleihen. Im Jahre 1894 wurden 5prozentige Papieranleihen imBetrage von mehr als 1 Milliarde Rubel in 4prozentige ewige Rente umgewandelt.
Der Bericht des Finanzministers an den Kaiser über das Reichsbudget für 1901 sagtdarüber folgendes: „Die vorwiegend aus Einnahmeüberschüssen im Ordinarium entstandenen Reserve-mittel haben es ermöglicht, den Bau der sibirischen Bahn fast zu vollenden; mit ihrer Hilfe wurdeunsere Kriegsflotte durch neue Schiffe verstärkt und die Umbewaffnung der Armee durchgeführt; ausihnen konnte zweimal im Laufe des letzten Jahrzehnts dem Volke Beistand geleistet werden, als esdurch Mißernten in Not geraten war. Dieselben Ersparnisse haben uns ferner die Möglichkeit ge-währt, unsere Währungsverhältnisse durch die Entrichtung der unverzinslichen Schuld an die Reichs-bank für die im Interesse des Staatsschatzes emittierten Kreditbillette völlig zu ordnen. Schließlichsind im abgelaufenen Jahre aus jenen Neservemitteln auch die ganz außergewöhnlichen und sehrbeträchtlichen, durch die Ereignisse in Ostasien verursachten Ausgaben bestritten worden. Ohne dieseMittel wären wir gezwungen gewesen, zu einer Anleihe zu schreite», und zwar bei der gegenwartigenLage des Geldmarktes unter gewiß recht drückenden Bedingungen."
Vergl. v. Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. SS3.