I
Die Aaumwollfrage.
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^ Von
Prof. vr. Helfferich,
Wirkl. Legationsrat^
I.
Der europäische Kulturmensch ist an den täglichen Gebrauch von Dingen,deren Urstosf ein fremder Boden und eine fremde Sonne hervorgebracht haben, sogewöhnt, daß er es sich fast abgewöhnt hat, über die Kompliziertheit der Bedingungennachzudenken, auf Grund deren ihm eine Reihe der für ihn unentbehrlichsten Nahrungs-und Genußmiltel und wichtige Rohstoffe für seine Bekleidung zugeführt werden. DerGelehrte ergründet im stillen Kämmerlein die Grundlagen der „internationalenArbeitsteilung" und sucht die tausendfach verschlungenen Fäden der Handelsbeziehungenzu entwirren, durch welche die einzelnen Länder zur Weltwirtschaft verflochten werden.Der großen Mehrzahl derjenigen, die im praktischen Leben stehen, kommt jedoch dieBedingtheit und Kompliziertheit der Voraussetzungen, auf welchen nicht nur dasSchicksal der wichtigsten Erwerbszweige, sondern auch der tägliche Verbrauch selbst derkleinsten Haushaltung beruht, erst dann zum Bewußtsein, wenn an irgend einerempfindlichen Stelle in dem Netz der internationalen Verkehrsbeziehungen Reibungenund Hemmungen eintreten.
Unter allen den unzähligen Waren des Weltverkehrs ist für die europäischenStaaten keine so geeignet, die Stellung der einzelnen Länder in dem Ganzen derWeltwirtschaft mit ihren Licht- und Schattenseiten vor Augen zu führen, wie die»- Baumwolle.
Die Erzeugung der Baumwolle im eigenen Lande ist durch Klima und Bodenden großen europäischen Industriestaaten versagt. Während bei den wichtigstenNahrungsmitteln die Frage so steht, ob wir einen Zuschuß zur eigenen Produktionvom Ausland nötig haben oder ob wir unsern ganzen Bedarf unter erträglichen Be-dingungen im Inland decken können, setzt uns die Natur des eigenen Landes hinsichtlichder Gewinnung des wichtigsten Rohstoffes für die Bekleidung ein absolutes Nein ent-gegen. Wir sind für unseren ganzen Bedarf an diesem Artikel auf den internationalenHandel angewiesen, und unsere Einfuhr an Baumwolle steht in der Liste unsererImportartikel dem Werte nach an der ersten Stelle; sie hat im Jahre 1903 etwa