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Die Baumwollfrage : ein weltwirtschaftliches Problem / von Helfferich
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Die Baumwollfrage.

384 Millionen Mark betragen. Daß uns der auswärtige Handel diesen Rohstoff ingewaltigen Mengen und zu Preisen zuführt, die auch im ungünstigen Falle hinterdenjenigen anderer Spinnstoffe wesentlich zurückbleiben, daraus ergibt sich ein außer-ordentlich günstiger Einfluß auf die gesamte materielle Lage der großen Masse unsererBevölkerung. Die Baumwolle gestattete im Laufe des verflossenen Jahrhunderts durcheine gewaltige Steigerung der Produktion und durch eine erhebliche Ermäßigung ihresPreises gerade den breitesten Schichten eine reichlichere Befriedigung des Bedürfnissesnach Kleidung. Noch im Durchschnitt der fünf Jahre 1346 bis 1350 hat der jähr-liche Verbrauch an Baumwolle im deutschen Zollgebiet nur 0,53 KZ pro Kopf betragen,1871/75 kamen bereits 2,84 KZ auf den Kopf, und inzwischen ist abermals eine Ver-mehrung auf mehr als das Doppelte eingetreten, so daß im Jahre 1903 der durchschnittlicheVerbrauch 6,30 lcZ pro Kopf betrug. Selbstverständlich erleichtert die Möglichkeit derbilligen Bekleidung, wie sie durch die Baumwolle gegeben ist, eine reichlichere Befriedigungder sonstigen materiellen und der Kulturbedürfnisse. Die Ausschaltung der Baumwollewürde mithin eine ganz gewaltige Verschiebung aller Konsumverhältnisse und der ge-samten Lebenshaltung der europäischen Völker zur Folge haben müssen.

Aber nicht nur in unserer Verbrauchsgestaltung spielt die Baumwolle eine soenorme Rolle, sondern auch in der Gestaltung unserer Produktions- und Erwerbs-verhältnisse. Die Baumwolle verarbeitende Industrie beschäftigt in England. Deutsch-land und Frankreich viele Hunderttausende von Arbeitern. Dieser wichtige Industriezweigstellt ferner nicht nur Waren für den inländischen Verbrauch her, sondern er arbeitetin großem Umfange für den Absatz nach dem Auslande; der Export an Baumwollwarensteht in Deutschland dem Werte nach stets an erster oder zweiter Stelle unter denExportartikeln, er hat sich im Jahre 1903 auf einen Wert von etwa 286,5 MillionenMark beziffert. Ein Land mit einer dichten und arbeitsamen Bevölkerung muß dienotwendige Einfuhr an Naturprodukten anderer Länder, an Rohstoffen und Nahrungs-mitteln in erster Reihe mit seiner Arbeit bezahlen, mit seiner Arbeit, die sich inIndustrie-Erzeugnissen und Fabrikaten kondensiert. Die meisten unserer Export-industrien verarbeiten überwiegend Rohstoffe, die im eigenen Land gewonnen werden,so vor allem die Industrien der Metalle und Mineralien. Bei der Baumwollindustriedagegen wird ein fremder Rohstoff zum Träger für deutsche Arbeit, die dann alsGegenwert für Einfuhrwaren nach dem Anslande geht. Im Jahre 1903 hatte unsereEinfuhr von Rohbaumwolle (382 500 Tonnen zu 384 Millionen Mark) einen durch-schnittlichen Wert von etwa 1,004 Mark pro Kilogramm; unsere Ausfuhr an Baum-wollwaren (47 50l) Tonnen zu 286,5 Millionen Mark) hatte einen durchschnittlichenWert von 6,03 Mark pro Kilogramm. Wenn man bei der Verarbeitung der Roh-baumwolle 25 v. H. Abgang rechnet, so bleibt eine Werterhöhung bei den exportiertenBaumwollwaren von etwa 4,70 Mark pro Kilogramm; von dem Gesamtwert der imJahre 1903 ausgeführten Baumwollwarcn kamen nach dieser Berechnung etwa 60bis 65 Millionen Mark auf den Rohstoff. 220 bis 225 Millionen Mark auf die inDeutschland bewirkte Verarbeitung. Ungefähr diese letztere Summe wird jährlich durch dieBaumwolle den deutschen Unternehmungen und Arbeitern vom Auslande zugeführt.Diese Zahlen geben einen Begriff davon, in welchem Umfange die Baumwolle, die uns