Die Baumwollfrage.
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bis auf das letzte Pfund durch den auswärtigen Handel zur Verfügung gestellt wird,die ganze Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft bedingt. Als Einfuhrartikelermöglicht sie dem Volke eine reichliche und billige Kleidung, als Rohstoff für eineunserer wichtigsten Exportindustrien liefert sie einem großen Teile unserer BevölkerungArbeitsgelegenheit und damit das tägliche Brot.
Nun die andere Seite! Nachdem einmal die Baumwolle als Produkt einesfremden Bodens in dem eben geschilderten Umfange einen Teil der Grundlagen bildet,auf denen die gegenwärtige Gestaltung der Produktion und des Konsums unseresVolkes beruht, muß jede Erschwerung der Zufuhr dieses Rohstoffes unsere gesamteVerbrauchs- und Erwerbswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Vor allein ist die Er-haltung und weitere Entwicklung unserer Baumwollindustrie, deren Aufschwung denBevölkeruugsspielraum Deutschlands erweitert und unsern Volksreichtum erheblich ver-mehrt hat, durchaus abhängig davon, daß es uns stets gelingen wird, die Rohbaum-wolle in ausreichender Menge und zu hinreichend billigen Preisen von auswärts zubeziehen. Jede Verteuerung des Rohstoffes verteuert den inländischen Konsum anBaumwollwaren und vermindert damit die Kaufkraft der Bevölkerung für andereDinge, erhöht den Betrag, den wir an das Ausland für die Baumwolle zu bezahlenhaben, erschwert den Absatz unserer Baumwollfabrikate nach außerhalb. Eine jedebeträchtliche Einschränkung der Baumwollzufuhr muß zu Betnebseinschränkungen undArbeiterentlassungen, zu Massenelend und Kapitalverlusten führen, als deren schrecklichstesBeispiel die durch den amerikanischen Bürgerkrieg hervorgerufene Baumwollkrisis inEngland heute noch vor aller Augen steht.
Gewiß ist die Baumwolle nicht der einzige Artikel, dessen Schwankungen inder verfügbaren Menge und im Preise die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnissenachhaltig beeinflussen; der Ausfall unserer heimischen Getreideernte, der von Witterungund Elementarereignissen abhängt, übt bekanntlich gleichfalls auf die Lebenshaltung derMassen und auf den Geschäftsgang einen sehr starken Einfluß aus. Aber bei derBaumwolle erfährt die Frage der ausreichenden Versorgung gerade dadurch eine ganzbesondere Zuspitzung, daß es sich hier um ein Produkt handelt, für dessen Beschaffungwir ganz und gar auf das Ausland angewiesen sind. Zu dem elementaren Momentdes Ernteausfalls kommen hier noch Komplikationen hinzu, die ihren Sitz in denunserem Einfluß mehr oder weniger entzogenen ökonomischen und handelspolitischenEntwicklungen fremder Gebiete haben.
Der Verfasser dieses Aufsatzes gehört nicht zu den ängstlichen Seelen, die beider Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft nur die Gefahren der Abhängigkeitvon dem ausländischen Absatz einheimischer Judustrieerzeugnisse und von der aus-wärtigen Zufnhr der notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe sehen wollen und dieDeutschland , um diesen Gefahren vorzubeugen, am liebsten mit seiner Produktion aufden inneren Markt und mit seinem Verbrauch auf die inländische Produktion zurück-führen möchten. Wer einen Blick für die großen Züge der menschlichen und gesell-schaftlichen Entwicklung hat, kann nicht verkennen, daß jedes Fortschreiten der Kultur,insbesondere auch der ökonomischen Kultur, Hand in Hand geht und bedingt ist durcheine Steigerung und Ausdehnung der wechselseitigen Abhängigkeit der einzelnen