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Die Baumwollfrage.
Individuen und der einzelnen kleinen und großen gesellschaftlichen Gebilde. Denn diesewechselseitige Abhängigkeit ist das notwendige Korrelat des gegenseitigen Sichaushelfensund des planmäßigen und organischen Zusammenwirkens der menschlichen Kräfte zurErreichung immer höherer kultureller und ökonomischer Ziele. Um dieser Ziele willenmuß das einzelne Individuum und muß auch die einzelne Volkswirtschaft die Gefahrender Abhängigkeit von einer größeren Gesamtheit in Kauf nehmen. Sie können dasum so leichter, als gegen diese Gefahren eine natürliche Gegenwirkung in der Wechsel-seitigkeit des Abhängigkeitsverhältnisses gegeben ist: wo der einzelne ganz und gar aufsich selbst steht, kann er den andern schweren Schaden tun, ohne sich selbst zu treffen;je mehr aber der einzelne durch tausenderlei Fäden mit seinen Nebcnmenschen verbundenist, desto mehr wird er selbst in Mitleidenschaft gezogen dnrch die Wunden, die eranderen schlägt. Was von den Individuen gilt, hat seine Richtigkeit auch für dieStaaten. Die mehr oder weniger feststehenden natürlichen Grundlagen sowie diehistorisch gewordenen ökonomischen und kulturellen Bedingungen der internationalenArbeitsteilung, die sich gleichfalls nicht von heute auf morgen willkürlich umgestaltenlassen, stellen für den internationalen Warenaustausch ein durch wechselseitige Interessengesichertes Fundament dar; die Abhängigkeit, in die der internationale Warenaustauschdie einzelnen Volkswirtschaften bringt, wird dadurch gemildert, daß sie — wenigstensim großen ganzen — eine gegenseitige ist. Die Länder, an die wir unsere Industrie-Produkte absetzen, haben ein Interesse daran, daß wir ihnen ihre überschüssigen Er-zeugnisse, insbesondere Nahrungsmittel und Rohstoffe, abnehmen.
Freilich berechtigt diese Auffassung keineswegs zu einer völligen Passivitätgegenüber den Problemen des auswärtigen Handels. Die allmählich sich vollziehendenÄnderungen in wesentlichen Grundlagen der internationalen Arbeitsteilung, Ver-schiebungen in der Bevölkerungsdichtigkeit, der wirtschaftlichen Intelligenz und Energieund der technische» Ausbildung von Unternehmern und Arbeitern, dem Kapital-reichtum usw. mit ihrer Wirkung auf die Prvduktions- und Nachfrage-Verhältnisse inder Weltwirtschaft — das alles sind Vorgänge, durch die jedes einzelne Land ver-mittels seiner Export- und Jmportbeziehungen stark in Mitleidenschaft gezogenwerden und durch die es in seiner wirtschaftlichen Struktur uuter schweren Krisen fürseine ökonomische Lage entscheidende Veränderungen erfahren kann. Dazu kommen diehandelspolitischen Maßnahmen fremder Völker, die bestimmt sind, Veränderungen indem internationalen Warenaustausch hervorzubringen oder zu beschleunigen. Aberauch schon im Ruhezustande — ganz abgesehen von allen sich im Laufe längerer oderkürzerer Zeit vollziehenden Verschiebungen — ist bei aller Gegenseitigkeit des Ab-hängigkeitsverhällnisses der miteinander im Handelsverkehr stehenden Länder die Positionder einzelneu Volkswirtschaften von verschiedener Stärke. Der kapitalkräftige Unter-nehmer ist zur Nutzbarmachung seines Vermögens an sich ebenso davon abhängig, daßer Arbeiter findet, die sich in seine Dienste begeben, wie der besitzlose Arbeiter davonabhängig ist, daß er jemand findet, der ihn gegen Lohn beschäftigt; aber in diesemgegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis hat der Unternehmer im allgemeinen unstreitigdie stärkere Position. Im privaten Handelsverkehr ist stets derjenige im Vorteil, dermit dem Angebot zurückhalten kann, während sich auf seine Ware eine dringende